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Dorftreff Olfen staunt über die Ballonfahrerin und Fallschirmspringerin Kätchen Paulus

Ballonfahrerun und Fallschirmspringerin Kätchen Paulus bei einem ihrer 700 Ballonfahrten.

HS

OLFEN. – Durch eine kurzfristige Programmänderung beim jüngsten Olfener Dorftreff mussten die Akteure anstelle der geplanten Odenwaldfilme die Biografie von Kätchen Paulus einschieben. Horst Schnur schilderte im vollbesetzten Gasthaus „Zum Spälterwald“ anhand einer PowerPoint-Präsentation das bewegte Leben der ersten deutschen Ballonfahrerin und Fallschirmspringerin mit ihren Verbindungen zu Beerfelden und Erbach.

In Beerfelden ist eine Straße nach ihr benannt, wodurch an die Adoption durch den Schmied und Maschinenheizer Wilhelm Paulus erinnert wird.

Horst Schnur skizzierte mit einer Powerpoint-Präsentation das Leben und Wirken von Kätchen Paulus. Foto: R. Trabold

Kätchen wurde am 22. Dezember 1868 in Zellhausen, heute Mainhausen bei Seligenstadt, geboren und starb nach längerer Krebserkrankung am 26. Juli 1935 in Berlin-Reinickendorf im Alter von 67 Jahren.

Sie wuchs als unehelich geborene Tochter bei ihrer Mutter Anna Maria Funk (*29.12.1846; †06.03.1922) auf, die 1874 den aus Beerfelden stammenden Schmied und Maschinenheizer Wilhelm Paulus (*1848 in Beerfelden; † 1887 in Darmstadt) heiratete, der das Mädchen bei der Heirat in Beerfelden adoptierte und ihr den Nachnamen „Paulus“ übertrug.

Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen und wechselte den Wohnort nach den Arbeitsstätten des Vaters als Maschinenheizer, u. a. in Frankfurt und Darmstadt. In ihrer Ärmlichkeit erlernte Kätchen in Frankfurt den Beruf einer Näherin.

Im Zoologischen Garten in Frankfurt hatte Kätchen Paulus zusammen mit ihrem Partner Hermann Lattemann wiederholt Auftritte mit dem Ballon und auch als Fallschirmspringerin.

Am 21. Juni 1889 lernte sie bei einer viel bestaunten Luftfahrtshow in Wiesbaden lernte sie den Ballonfahrer und Fallschirmspringer Hermann Lattemann kennen. Seine Luftschifferkünste und seinen Mut begeisterten sie. Kätchen verliebte sich in ihn und sie wich ihm nicht mehr von der Seite.

Zunächst nahm Käte mit Interesse an den Vorführungen ihres 16 Jahre älteren Partners als technische Helferin teil und begann als gelernte Näherin für ihn zu arbeiten, flickte Fallschirme und Ballone und begeisterte sich unwiederbringlich für die Luftschifffahrt.

Nach drei Jahren intensiver Vorbereitung, in denen Lattemann sie mit der Technik vertraut machte und auch in der Wetterkunde unterrichtete, durfte Käte am 19. Juli 1893 in Nürnberg erstmals mit ihm und einem Passagier im Ballon mitfahren und einen Ballon lenken nach Lattemanns Fallschirmabsprung.

Bei der Landung musste sie im letzten Moment einem D-Zug ausweichen. Schließlich krachte der Ballon in ein Hopfenfeld. Vier Tage später 23. Juli 1893 wagte sie, jetzt 25 Jahre alt, in Elberfeld, heute zu Wuppertal gehörend, bei Regen ihren ersten Absprung mit dem Fallschirm.

Lattemann und Kätchen Paulus tingelten im folgenden Jahr mit ihren aeronautischen Kunststücken gemeinsam von Stadt zu Stadt, um in lebensbedrohlichen Fallschirmsprüngen zur Erde zu gleiten. Käte und ihr Lebensgefährte Hermann Lattemann verdienten ihr Geld mit solchen Sprüngen, die damals eine Attraktion auf Jahrmärkten und Volksfesten waren.

Am 17. Juni 1894 kam es – kurz vor der Heirat – zu einem hochdramatischen Ereignis. Käte und Herrmann waren in Krefeld vor Zuschauern zu einer einmaligen Show gemeinsam im Ballon aufgestiegen. Sie wollten dem Publikum ein gewagtes Ballonexperiment vorführen. Käte sollte zuerst abspringen, während Lattemann anschließend den Ballon in einen Fallschirm verwandeln und damit sanft zur Erde gleiten wollte. Erfahrung hatte er keine. Er versuchte den Trick zum ersten Mal.

Käte war aus dem Ballon abgesprungen und ihr Schirm hatte sich geöffnet. Lattemann stieg aus dem Ballon. Der reagierte jedoch nicht wie geplant. Das Gas entwich und drehte sich zu einem umgekehrten Regenschirm. Lattemann stürzte rasend an Käte vorbei, die am Fallschirm hing und hilflos zusehen musste, wie ihr Partner zu Tode stürzte, den Schirm nach sich ziehend. Käte lag Wochen mit einem schweren Schock und Nervenzusammenbruch im Krankenhaus.

Käte war nun alleinstehend und musste sich mit ihrem Sohn und ihrer Mutter hinfort selbst versorgen. Ein Jahr später traf sie der nächste Schicksalsschlag: Im Juli 1895 starb ihr Sohn Willy Hermann mit vier Jahren an Diphtherie.

Käte war nun frei und machte aus zwei Niederlagen einen neuen Anfang. In den folgenden Jahren baute sie sich allein eine unternehmerische Existenz als Berufsluftschifferin und als Luftakrobatin auf und vermarktete ihre Auftritte höchst professionell. Sie wurde ihre eigene Managerin, Pressechefin, technische Leiterin und Hauptdarstellerin.

Daran erinnerte sich 1905 das Markt-Komitee des Eulbacher Marktes und hatte die bekannte Luftschifferin Kätchen Paulus aus Frankfurt für einen Aufstieg mit einem Gasballon gewinnen können.

Eine Werbeanzeige machte auf das Großereignis anlässlich des Eulbacher Marktes 1905 aufmerksam.

Das spektakuläre und „im Odenwald noch nie dagewesene“ Ereignis wurde für Montag, 24. Juli 1905, in den frühen Abendstunden um 18 Uhr angekündigt, mitten auf dem Gelände des Volksfestes. Die Ankündigung der Show erregte in der Region große Aufmerksamkeit, auch weil der Name „Paulus“ zu Beerfelden und Umgebung einen örtlichen Bezug hatte.

Sonderzüge wurden eingesetzt

Der freifliegende Ballon wurde am zweiten Markttag Montagvormittags im Michelstädter Gaswerk gefüllt und vor dem herbeiströmenden Publikum zum Festplatz transportiert. Dort war er um 12 Uhr mittags eingetroffen und wurde bis zum geplanten Aufstieg „zwischen 6 und 7 Uhr“ verankert.

Der freifliegende Ballon hatte keine Gondel, sondern nur ein „trapezförmiges Gestell“, an dem sie sich festhielt. Bei ruhiger Witterung wollte sie bis zu 3.000 Meter aufsteigen.

Hoch über dem Festplatz wollte Kätchen Paulus einen Kreis beschreiben und nach einer halben Stunde „die Landung in möglichster Nähe Erbachs vollziehen“. Nach kurzer Zeit wollte sie wieder auf dem Festplatz eintreffen. Ein Fallschirmabsprung war nicht geplant war, berichtete das Kreisblatt.

Die Aufregung beim Wiesenmarktpublikum, die Turbulenzen bei der Veranstaltung und bei der Bemühung, den Gasballon zum Aufstieg in die Höhe über Erbach zu bringen, die Anspannung mit Hoffnung und Enttäuschung schildert im Central-Anzeiger, Erbacher Kreisblatt, 25.07.2025 ein Gedicht mit dem Titel „Der Luftballon“.

Das Spottgedicht trägt das Kürzel „GB“, worunter sich die Erbacher Zeitzeugin Maria Margaretha Bickelhaupt, gerufen „Greta“ (*9. März 1865 in Erbach im Odenwald; †18. September1919 ebenda) verbirgt. Sie war Erzieherin, Heimatdichterin und Schriftstellerin.

1985 erinnerte die Stadt Beerfelden mit Ballonpostkarten an den 50. Todestag von Kätchen Paulus.

Die Stadt Beerfelden widmete Kätchen Paulus am 2. Mai 1960 als erste Stadt in Deutschland einen Straßennamen und einen Gedenkplatz mit einer Tafel sowie eine Reihe von Veranstaltungen mit dem Namen „Kätchen Paulus“.

Am 6. Oktober 1963 wurden in Verbindung mit dem AERO-Club „Odenwald“ am Beerfeldener Galgen Flugtage mit deutschen und ausländischen Fallschirmspringern unter dem Namen „Kätchen-Paulus-Gedächtnispingen“ veranstaltet.

Am Montag, 15. Juli 1985, erinnerte Beerfelden während des Pferdemarktes anlässlich des 50. Todestages der Fallschirmspringerin, Ballonfahrerin und Erfinderin des Paketfallschirms, Kätchen Paulus aus Beerfelden stolz mit einer weit beachteten Gedenkveranstaltung an die berühmte Namensträgerin aus der Familie Paulus. In der Stried fand damals ein Ballonstart mit Beförderung von Ballonpostkarten mit Sonderstempel statt, die ein besonderes Sammelobjekt für Philatelisten waren.

Oft trug Kätchen bei Auftritten publikumswirksam einen Matrosenanzug mit Matrosenmütze, Pluderhosen, dazu Lackgamaschen und schwarze Schnürstiefel. Ihr spektakulärstes Kunststück war der von ihr erfundene Doppelabsturz. Bis zum Ende ihrer aktiven „Luftkarriere“ um 1912 unternahm sie mehr als 700 Ballonaufstiege und 165 Absprünge mit ihrem Fallschirm.

Kätchen Paulus im Matrosenanzug mit Matrosenmütze und Pluderhosen. Archivfotos: HS

Käte trat in Nizza, Berlin, London, Budapest und Wien auf. Von 1894 bis 1912 stieg sie sonntags am Frankfurter Zoo mit dem Ballon auf und erhielt gute Einnahmen. Schon früh verknüpfte Käte ihre Auffahrten als Luftakrobatin geschäftstüchtig mit Werbezwecken.

Im Juni 1899 stieg sie in Kooperation mit dem Fahrradhersteller Adler im Zoologischen Garten mit einem „Fahrrad-Luftballon“ auf, wobei statt einer Gondel ein Fahrrad unter den Ballon montiert war. Käte stellte als Luftschifferin ihre Ballone und Fallschirme selbst her, auch zum Verkauf.

Im Jahr 1912 übersiedelte Käte mit ihrer Mutter nach Berlin-Reinickendorf und gab mit Beginn des Ersten Weltkriegs im Juli 1914 die aktive Ballonfahrt auf.

Durch den Unfalltod ihres Lebensgefährten wegen des technischen Versagens seines Fluggeräts konzentrierte sich Käte besonders auf die Verbesserung der Fallschirmsicherheit und entwickelte den heute gebräuchlichen „Paketfallschirm“ oder auch „Rettungsfallschirm“, der sehr viel sicherer als die früher offen gewickelten Wickelfallschirme war. Dafür erhielt sie später im Jahr 1921 ein Schweizer Patent.

Zur Zeit des Ersten Weltkriegs galt sie als Expertin Deutschlands und beste Ratgeberin der Ballonaufklärer-Truppen. Die Preußischen Heeresluftfahrtverwaltung beauftragte sie im Sommer 1916 mit der Produktion von Aufklärungsballons und Fallschirmen.

Sie produzierte die Aufträge in ihrer Wohnung und lieferte wöchentlich etwa 125 Fallschirme, bis Kriegsende etwa 7.000 Stück ab, wobei sie in der Woche etwa 20.000 Meter Seidenstoff zuschneiden musste. Zu den von ihr erfundenen Paketfallschirmen kamen rund 1.000 Ballonhüllen mit etwa 20.000 Meter Stoff pro Woche. Wobei sie den Stoff angesichts der Wichtigkeit stets eigenhändig zuschnitt.

Als sich die Arbeit vergrößerte, schnitt sie die Stoffe zu und ließ die Schirme von Heimarbeiterinnen nähen. Einem solchen Rettungsfallschirm der Marke „K. P.“ verdankten unter anderem während der Schlacht um Verdun zwanzig Ballonaufklärer das Leben. Für ihre Arbeitsleistung wurde Käte 1917 mit dem hohen Verdienstorden für Kriegshilfe ausgezeichnet wurde.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und dem Friedensvertrag von Versailles kam die Luftfahrt in Deutschland zum Erliegen. Käte führte nun mit ihrer Mutter Anna Maria Funk zusammen eine bescheidene Existenz bis zu deren Tod am 6. März 1922.

Käte hatte nach Kriegsende durch die Inflation den Verlust ihres erarbeiteten Vermögens zu beklagen, weil sie es in Kriegsanleihen investiert hatte. So führte Käte nun verarmt ein bescheidenes Dasein als Rentnerin in Berlin und nahm gelegentlich als Zuschauerin und Ehrengast an Flugtagen und Flugschauen teil. Sie spendete persönliche Erinnerungsstücke. Nach längerer Krebserkrankung starb sie am 26. Juli 1935 im Alter von 66 Jahren in Berlin.

Pfarrer Hans Dorow von der evangelischen Segenskirchengemeinde hielt als Augenzeuge ihres Lebensabends am 31. Juli 1935 auf dem Reinickendorfer Dankesfriedhof die Trauerrede. Er selbst war im Ersten Weltkrieg bei der Feldluftschifferei und war durch Kätes Fallschirm bei einem feindlichen Angriff auf den Fesselballon gerettet worden.

Bei der Beisetzung waren nur wenige Trauergäste anwesend, darunter die Fliegerinnen Elly Beinhorn und Hanna Reitsch, die Kätes Pionierinnenarbeit für fliegende Frauen sehr zu schätzen wussten. Auf dem Weg zum Doppelgrab mit ihrer Mutter trug ein Kind auf einem himmelblauen Ordenskissen die Kriegsauszeichnungen der Verstorbenen vor der kleinen Trauergemeinde her.

Berlin-Reinickendorf setzte Käte Paulus ein Ehrengrab

Über Kätchen sind ungezählte Publikationen und Romanbibliografien erschienen. Vielerorts wurden Straßen mit Respekt vor ihrer Lebensleistung nach ihr benannt. Ihr außergewöhnliches Leben als mutige und ungewöhnliche Frau und ihr Bezug zum Odenwald hat Horst Schnur in einer kleinen Broschüre herausgegeben und im jüngsten Jahrbuch des Kreisarchivs „gelurt“ publiziert.

Zu einem amüsanten Nachmittag beim Dorftreff Olfen sind wieder Gäste aus nah und fern ins Gasthaus „Zum Spälterwald“ am Dienstag, 28. April, ab 14:30 Uhr, eingeladen, wenn Michael Lang mit seiner Drehorgel zu satirischen Betrachtungen einlädt. Im Mai ausnahmsweise wegen Terminüberschneidungen auf Mittwoch, 27. Mai, ausgewichen, wenn der frühere Chef der Europäischen Raumfahrt ESA  Prof. Jan Wörner auf eine Reise zum Mond bittet.

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