Neben Fahrrädern, Kinderwagen und Großgepäck drängen sich Menschen in den Gängen der Regionalzüge ohne Rücksicht aufeinander zu nehmen.
„Wir leben dicht an dicht und doch oft wie in getrennten Welten + + + Vielleicht finden wir wieder zusammen, wenn wir uns wieder trauen, füreinander da zu sein“
Dagmar Rheinberg
BADEN-WÜRTTEMBERG / BERGSTRASSE . – Nach einer langen Radtour von Laudenbach an der Bergstraße bis nach Tübingen wollte ich mit dem Zug zurück nach Hause fahren. Wegen Bauarbeiten gab es keine Direktverbindung von Tübingen nach Stuttgart. Man musste zunächst mit der Ammertalbahn nach Herrenberg fahren und dort in den Regionalexpress nach Stuttgart umsteigen.
Bis Herrenberg lief alles glatt. Dort stand bereits der Regionalzug, und laut Fahrplan sollte er in Kürze abfahren. Wir beeilten uns also, dorthin zu gelangen. Mein Radgefährte öffnete die Tür und schob sein Fahrrad hinein. Ich folgte ihm, nur einen Schritt dahinter.
Doch der Lokführer, der uns beide gesehen hatte, schloss nach dem ersten Fahrrad plötzlich die Tür – direkt vor meiner Nase. Da half auch kein mehrmaliges Drücken auf den Türöffner. Die Tür blieb zu, der Zug rollte an – mein Gefährte darin, ich allein auf dem Bahnsteig.
Ich bin nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen, aber etwas beunruhigt war ich schon. Würde ich das schaffen, jetzt allein die lange Rückfahrt mit noch dreimaligem Umsteigen? Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Erst einmal auf den Fahrplan schauen und herausfinden, wann der nächste Zug nach Stuttgart hier halten würde. Meine Recherche ergab, dass bald ein Zug auf Gleis 1 einfahren würde – allerdings ohne Möglichkeit, Fahrräder mitzunehmen.
Auf Gleis 2 sollte ebenfalls ein Zug nach Stuttgart fahren. Um dorthin zu gelangen, konnte man die Treppe oder den Aufzug benutzen. Für mich war der Aufzug allerdings keine Lösung: Er war schlicht zu kurz für mein Fahrrad. So musste ich zwei Stunden auf einen passenden Regionalzug warten, der auf Gleis 1 hielt und in dem auch eine Fahrradmitnahme möglich war.
In Stuttgart erwartete mich das totale Chaos. Der Kopfbahnhof war überfüllt, ein einziger Strom aus Menschen und Gepäck, alle auf der Suche nach ihrem Zug. Manche standen ratlos vor den Anzeigetafeln, andere hetzten rücksichtslos kreuz und quer, als gäbe es nur sie und ihre Verbindung.
Zwischen all dem Durcheinander traf ich auf freundliches Personal der Deutschen Bahn, das mir weiterhalf und mich auf Gleis 6 schickte. Dort stand bereits ein Zug – allerdings nicht meiner. Die Reisenden waren ausgestiegen. Es gab eine Panne mit der Lok, und niemand wusste, wie es weitergehen sollte.
Ich hatte noch etwas Zeit und suchte die Toilette. Natürlich war sie überfüllt. Eine lange Schlange hatte sich gebildet. Für Damen und Herren gab es jeweils einen eigenen Bereich, jeder mit einer Schranke, die immer nur eine Person hinein oder hinaus ließ – wie ein Nadelöhr.
Der Toilettengang kostete 1,50 Euro – ein stolzer Preis, zumal die Reinigung der Toiletten anscheinend nicht inbegriffen war. Der Herr der Toiletten stand am Eingang und half ausschließlich beim Bezahlen am Automaten.
Zurück auf Gleis 6 kam bald die Durchsage: Die Lok war nicht zu reparieren, das Gleis blockiert. Die Reisenden wurden auf verschiedene Gleise verteilt. Ich durfte auf Gleis 10 wechseln.
Der Zug nach Bruchsal sollte etwa dreißig Minuten brauchen. Als er einfuhr, war er bereits überfüllt. Menschen und Gepäck drängten sich in den Gängen, obwohl überall Schilder hingen, die genau das untersagten – besonders im Bereich der Feuerlöscher. Aber niemand hielt sich daran. Wie auch? Es gab schlicht keinen Platz.
Ich stand zwischen Fahrrädern eingeklemmt, hielt mit der einen Hand tapfer mein eigenes Rad fest und mit der anderen einen Haltegriff. Von Bruchsal bis Mannheim das gleiche Spiel: ein überfüllter Zug, etwa dreißig Minuten Fahrt, Menschen und Gepäck in den Gängen.

In restlos überfüllten Zügen drängen sich Menschen und Gepäck in den Gängen und fast jeder hat den Blick auf’s Handy gerichtet – keiner interessiert sich mehr für den Nachbarn. KI-Fotos: Dagmar Rheinberg
In Mannheim sollte ich zu Gleis 7. Ein Bahnmitarbeiter zeigte mir den Weg zum Aufzug – doch der war defekt. Der andere Aufzug am entgegengesetzten Ende des Bahnhofs war wieder zu kurz für mein Fahrrad.
Also musste ich erneut Personal suchen. Man erklärte mir, dass es größere Aufzüge im unteren Bereich des Bahnhofs gebe. Um dorthin zu gelangen, musste ich das Gebäude verlassen und einen schmalen, abschüssigen Weg zum Parkhaus nehmen. Von dort gelangte man ins Untergeschoss und zu den Treppen und Aufzügen, die zu den Gleisen führten. Jeweils zwei Gleise teilten sich einen Aufzug.
Und der Aufzug für Gleis 7 und 8 – na, wer weiß es schon? – war natürlich außer Betrieb. Also zurück zum Servicepunkt der Deutschen Bahn. Dort suchte man mir einen anderen Zug auf einem anderen Gleis heraus. Wieder der Weg zurück, diesmal funktionierte der Aufzug zu Gleis 10.
Endlich konnte ich auf den Zug nach Laudenbach warten. Er kam pünktlich. Ich befestigte mein Fahrrad, fand sogar einen Sitzplatz – für die letzten dreißig Minuten dieser langen Rückreise. Und, wie ich mir in diesem Moment schwor, für lange Zeit.
Was mich dabei aber am meisten beschäftigte – und auch traurig machte – war nicht die Unzuverlässigkeit der Bahn. Das kennt man ja inzwischen. Es waren die Menschen, die mit mir unterwegs waren.
Fast alle hatten diese weißen Stöpsel im Ohr, abgeschottet von der Außenwelt. Musik oder Podcasts als Schutzschild. Gleichzeitig saßen sie mit gebeugtem Oberkörper über ihren Handys, als wollten sie möglichst nichts von dem mitbekommen, was um sie herum geschah.
Man schaut sich nicht mehr an, beginnt kein Gespräch mit dem Sitznachbarn. Und noch schlimmer: Es kümmert sich kaum jemand um den anderen. Niemand nimmt wahr, wenn jemand Hilfe braucht – ein Gepäckstück, das zu schwer ist, ein Kinderwagen, der Platz bräuchte.
Stattdessen wird sich vorbeigedrängelt, beim Ein- wie auch beim Aussteigen. „Du wartest mit dem Fahrrad, bis alle anderen ausgestiegen sind“, sagte zum Beispiel jemand hinter mir und quetschte sich an mir vorbei.
Kinder quengeln, weil sie müde sind. Es ist heiß, laut und eng. Die Eltern streiten darüber, wer nun Schuld hat. Und all das geschieht, während jeder für sich in seiner kleinen digitalen Blase sitzt, als wäre die Welt um ihn herum nur ein störendes Hintergrundgeräusch.
Am Ende dieses Tages blieb für mich nicht die Panne der Lok, nicht der defekte Aufzug und auch nicht das Gedränge in den Gängen. Was blieb, war die Frage: Wie finden wir als Menschen wieder zueinander?
Wir leben dicht an dicht und doch oft wie in getrennten Welten. Jeder mit seinen weißen Stöpseln im Ohr, den Blick aufs Handy gerichtet, die Außenwelt möglichst ausgeblendet. Vielleicht aus Müdigkeit, vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht auch aus dem Wunsch, für einen Moment seine Ruhe zu haben.
Doch Nähe entsteht nicht durch Technik, sondern durch Aufmerksamkeit. Durch den kurzen Blick, der sagt: Ich sehe dich. Durch die kleine Geste, die zeigt: Ich denke an dich. Durch den Moment, in dem man einem Fremden hilft, weil man spürt, dass es gerade wichtig ist.
Zusammenhalt wächst nicht aus großen Worten, sondern aus kleinen Entscheidungen. Aus dem Mut, den Kopfhörer abzunehmen. Aus dem Willen, Platz zu machen. Aus dem Gedanken, dass wir alle unterwegs sind – nicht nur im Zug, sondern im Leben.
Vielleicht finden wir wieder zusammen, wenn wir uns wieder trauen, füreinander da zu sein. Nicht erst, wenn etwas Großes passiert. Sondern im Alltag. Im Gedränge, im Lärm, im Durcheinander. In genau den Momenten, die diesen Tag geprägt haben.
Denn Gesellschaft beginnt nicht im Großen. Sie beginnt im Blick, im Wort, in der Geste. Sie beginnt dort, wo wir uns entscheiden, nicht wegzuschauen. Und vielleicht reicht manchmal schon ein einziger Mensch, der damit anfängt.









