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Jeder will des Gänsgretel hawwe: Eifriges „Giie-Gack“-Geschnatter beim Gänsgreteltag in Erbach

Der Vorstand des Erbacher >Gänsgretel-Vereins 1827 e.V.< beim Jahrestag des Vereins am 02. Januar im Sternensaal des >Erbacher Brauhauses<. Foto: Bernd Riedle

Pfarrer Christopher Klos eiskalt „getauft“ und im Kreis der „Ganserte“ aufgenommen + + + Gelungene Feier zur 199. Vereins-Auflage + + + Fünf Vereinsmitglieder im vergangenen Jahr verstorben

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ERBACH. – Der 2. Januar markiert alljährlich den wichtigsten Termin im Jahreskalender des >Gänsgretel-Vereins 1827 e.V.< in Erbach. So auch am Freitag, dem zweiten Tag im neuen Jahr 2026, als zum 199. Mal Männer in der Odenwälder Kreisstadt zusammentrafen, deren Vorfahren sich um die Gunst der schönen Gänsegretel gestritten hatten.

„Wir sind ein Brauchtumsverein, der im Jahre 2026 auf 199 Jahre Geschichte zurückblickt. Ursprünglich aus einer Überlieferung entstanden, die wohl mehr auf einer Legende beruht, feiert der Gänsgretelverein jährlich am 2. Januar ein Traditionsfest der Männerfreundschaft“, ist der Vereinschronik zu entnehmen.

Gänsgretelverein in Erbach seit 1827

Der Zusammenschluss existiert schon sehr lange, erste nicht urkundliche Erwähnungen datieren auf das Jahr 1827. Man erzählt sich dazu die Geschichte von 5 jungen Burschen, die ein gemeinsames Problem hatten: sie verehrten alle die gleiche Dame, eine Gänsemagd, die im Odenwald volkstümlich Gänsgretel genannt wurde.

Das Fräulein verstand es wohl, bei allen fünf Verehrern sowohl die Hoffnung wachzuhalten als auch den Abstand zu wahren. Zwangsläufige Folge waren Eifersucht und Streit. Wie immer, wenn zuviele Ganserte hinter einer Gans her waren, kam es zur Prügelei. Die fünf Kavaliere hauten sich, wie es im Odenwald nun mal beliebter Brauch war, die Augen dicht.

Keiner der fünf Verehrer kam bei der Gänsgretel zum Zuge

Zum Zuge kam allerdings keiner der fünf Verehrer – die Odenwaldbahn war ja auch noch nicht gebaut… Nach dem Zwist nistete sich so etwas wie Klarheit in den Köpfen der fünf Herren ein (bei Verliebten ein eher sehr seltenes Phänomen), sie erkannten, dass sie auf dem besten Wege waren, ihre Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Die Legende berichtet von einer feuchtfröhlichen Versöhnung, um die Gänsgretel hat sich keiner mehr bemüht. Dem Vernehmen soll sie viele Jahre später als alte Jungfer verstorben sein…

Alljährlich aber feierten die Fünf den Jahrestag ihrer Versöhnung. Am 2. Januar, was etliche Herren aus Erbach auch heute noch dazu bewegt, im aus diesem historischen Anlass gegründeten Gänsgretelverein das hohe Lied der Freundschaft zu singen und zu feiern.

Der Gänsgretel-Brunnen – auch Badbrunnen genannt – erinnert an die Geschichte

Damen haben bei dieser Veranstaltung übrigens keinen Zutritt, aber (im Gegensatz zur Gänsgretel) nur an diesem Tag. Damit soll sichergestellt werden, dass in Erbach nicht zuviele alte Jungfern sterben…

An diese Geschichte erinnert in Erbach noch der Gänsgretel-Brunnen – auch Badbrunnen genannt. Dieser wurde 1964 von einem Erbacher Künstler als steinernes Denkmal geschaffen. Die Figur soll eben jene Gänsgretel darstellen, die 1827 ein bis heute nachwirkendes Eifersuchtsdrama auslöste. Nicht unbedingt für jeden nachvollziehbar, oder wie es ein Vereinsmitglied einmal bemerkte „Wegen dem Besen hätte ich mich nicht gekloppt…!“

Rund 35 „Ganserte“ kamen aktuell im „Futterstall“ zusammen

So kamen denn auch in diesem Jahr rund 35 „Ganserte“ im „Futterstall“ zusammen, zu dem der Sternensaal des Erbacher Brauhauses kurzerhand einmal mehr umfunktioniert worden war. Zunächst bezeichnete Obergansert Jürgen Volk 2025 „das traurigste Jahr in der Vereinsgeschichte“ und gedachte der im abgelaufenen Jahr mit Paul Wagenknecht, Hans Wendel, Helmut Germann, Helmut Ihrig und Ludwig Stellwag fünf verstorbenen Vereinsmitglieder.

Dann ging es jedoch schon zur Tagesordnung über und „Neu-Gansert“ Christopher Klos, im bürgerlichen Leben evangelischer Pfarrer von Beruf, hatte den ersten Teil seiner Aufnahmeprüfung zu bestehen. Diesen Part meisterte der Theologe mit Bravour: auf dem Stuhl stehend schmetterte er alle drei Strophen des Gänsgretel-Lied’s unter dem abschließenden lauten „Giiie-Gack“-Schlachtruf seiner Mitschnatterer.

Singend und immer wieder schnatternd versammelten sich die Akteure zum Marsch an den Badbrunnen. Unterwegs reichten weibliche Pendants der Schnatterer und wohl auch einige Anwohner auf dem Weg durch das Städtl immer wieder „geistige Getränke“ um den weiß gewandeten Ganserten, die als Erkennungsmerkmale auch Gänsefedern im häufig schon gelichteten Haupthaar trugen, die deutlichen Minusgrade erträglich zu gestalten.

„Wo zwei satt werrn, da reichts auch für drei – damit sind beim >Gi-Gack< drei Parrer im Spiel, die Erbacher Stadtkirch hat ned so viel“

Am Badbrunnen angekommen hielt sich der Obergansert nicht lange mit der Begrüßung auf und übergab an „Zuchtgansert“ Hermann Dingeldey, der die Entstehungsgeschichte des Vereins zum Besten gab. Den zweiten Teil der Aufnahmeprüfung für Neugansert Christopher Klos leitete dessen Pfarrer-Kollege Dr. Thomas Hörschelmann mit der humorvollen „Taufpredigt“ ein.

„Zwo Parrer sinn hier schon länger dabei“, spielte er auf die Mitgliedschaft seiner und eines weiteren Kollegen im Gänsgretelverein an, „und wo zwei satt werrn, da reichts auch für drei. Damit sind beim >Gi-Gack< drei Parrer im Spiel, die Erbacher Stadtkirch‘ hat ned so viel“, verkündete er unter dem Beifall der zahlreichen Zuschauer.

Und dann wurd’s richtig feucht: der Zuchtgansert waltete seines Amtes und „taufte“ den Neugansert mit eiskaltem Wasser, das er dem Badbrunnen dreifach mit einem „Puhlschepper“ entnahm und über Christopher Klos‘ lockiges Haupthaar schüttete. Dabei ist nicht überliefert, ob das Taufgerät tatsächlich – wie von einem Gansert behauptet – am Morgen des selbigen Tages noch seinem eigentlichen Zweck gedient hat… Jetzt war die Aufnahmeprüfung komplett bestanden und der Neugansert durfte sein weißes Gewand mit der Aufschrift „Messwoi-Gansert“ überstreifen.

Gans auf dem Teller, wie auch im „Stall“ des Sternensaals

Nach dem Umzug durch das „Städtl“, den „Graben“ und rund um das Denkmal des Grafen Franz I. gings zurück in den warmen Futterstall. Dort gab es einmal mehr Gans auf dem Teller, wie auch im „Stall“ des Sternensaals im Brauhaus in einem eingezäunten Bereich drei prachtvolle Gänse um die Wette schnatterten.

„Zuchtgansert“ Hermann Dingeldey versicherte, dass die gefiederten Tiere unter dem Gesang ihrer „menschlichen Pendants“ nicht leiden. Und in der Tat gab sich das „richtige“ Federvieh völlig entspannt ob der nicht immer exakt getroffenen Töne der äußerst heiteren Ganserte.

Achim intonierte Lieder der Berge, Schlager-Oldys und Lieder aus dem vereinseigenen Liederheft

Während und nach der Fütterung der hungrigen Schnatterer gab’s Musik von Achim, der aus dem benachbarten Bayern kam und die winterlichen Straßen mühevoll überwunden hatte. Kostproben ihrer Sangeskunst lieferte die Ganserte-Schar auch im Haupt-Gastraum des Brauhauses sehr zur Freude der zahlreichen „Nicht-Ganserte“ und deren Begleitung.

Für den Brauhauswirt Sukwinder Multani hatten die Ganserte mit einem kunstvoll gemalten Bild einer Gänsgretel samt ihrer gefiederten Freunde eine besondere Überraschung parat.

Lieder der Berge, Schlager-Oldys und immer wieder auch Lieder aus dem vereinseigenen Liederheft intonierte Achim stundenlang, ehe der eine oder andere „Gansert“ erst in den frühen Morgenstunden „flügellahm“ unter weniger lautem „Giiie-Gack“ den Heimweg antrat.

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