Aufschlussreicher Vortrag des NachDenkSeiten-Gesprächskreises Bensheim/Bergstraße
Katja Knoch
BERGSTRASSE / BENSHEIM. – Der Gesprächskreis Bensheim/Bergstraße der NachDenkSeiten lud Anfang März zu einem Vortrag mit dem Titel „China – eine andere Perspektive“ in den Nebenraum der Gaststätte Weiherhaus ein. Frithjof Ramb begrüßte den Referenten Thomas Allwinn sowie die Gäste, darunter auch ein Vertreter der Ahmadiyya-Gemeinde Bensheim.
Der Soziologe Thomas Allwinn, der China seit vielen Jahren bereist und dort zeitweise lebt, gab einen kompakten Einblick in die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung des Landes aus Sicht vieler chinesischer Bürger – eine Perspektive, die im westlichen Diskurs oft zu kurz komme.
Historische Entwicklung und wirtschaftlicher Wandel
China sei ein Vielvölkerstaat mit 56 Ethnien und vielen Sprachen und stehe zugleich vor strukturellen Herausforderungen, etwa durch begrenzte landwirtschaftliche Flächen. Noch Ende der 1970er Jahre sei das Land ein verarmter Agrarstaat gewesen, verursacht durch einen jahrzehntelangen Niedergang, beginnend mit dem Opiumhandel aus England und den Opiumkriegen.
Mit den Reformen unter Deng Xiaoping ab 1978 begann der wirtschaftliche Aufstieg Chinas. Es gab Infrastrukturprogramme, regionale Kooperationen und die Ansiedlung von Unternehmen in strukturschwächeren Gebieten. Heute sei die absolute Armut weitgehend überwunden, und Fortschritte zeigten sich insbesondere in Bildung, Verkehr und Grundversorgung. Zudem entwickle sich China zunehmend zu einem führenden Standort für neue Technologien wie Robotik und autonomes Fahren.
Politisches System der Kooperation
Im Mittelpunkt des Vortrags stand das politische System Chinas. Offiziell wird es als Mehrparteienkooperation und politische Konsultation unter Führung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) beschrieben. Neben der KPCh existieren acht weitere Parteien, die unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen repräsentieren und Vorschläge in den politischen Prozess einbringen.
Die politischen Entscheidungsprozesse sind mehrstufig organisiert und basieren auf umfangreichen Rückmeldungen aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Dazu zählen lokale Parteikader, Behörden, wissenschaftliche Einrichtungen, Unternehmen sowie Pilotprojekte in unterschiedlichen Regionen. So entsteht ein strukturierter Prozess der politischen Willensbildung, der von intensiven internen Diskussionen begleitet wird – insbesondere auf lokaler Ebene.
Auch das Wahlsystem ist hierarchisch aufgebaut: Lokale Volkskongresse werden direkt von den Bürgern gewählt, während sich die höheren Ebenen daraus ableiten. Der Nationale Volkskongress tritt einmal jährlich zusammen, um Gesetze und Entwicklungspläne zu verabschieden, die zuvor umfassend beraten wurden.
Viele Chinesen sehen dieses System als ihre eigene Form von Demokratie. Das zugrunde liegende Prinzip des „demokratischen Zentralismus“ bedeutet dabei: Vielfalt und Diskussion vor der Entscheidung, Geschlossenheit nach der Entscheidung. Im Unterschied zu westlichen Mehrparteiensystemen von Konkurrenz und Opposition stehe in China die Kooperation im Vordergrund, was laut Allwinn auch einem kulturellen Bedürfnis nach gesellschaftlicher Harmonie entspreche.
Leistungsprinzip und Vertrauen
Im Unterschied zum deutschen System gebe es in China die Vorgabe der Leistung und ein imperatives Mandat: Abgeordnete und Funktionsträger müssten sich auf lokaler Ebene durch Erfolge hocharbeiten und stünden unter kontinuierlicher Beobachtung und Bewertung. Bürger hätten die Möglichkeit, Beschwerden einzureichen, und bei unzureichender Leistung könnten Vertreter abgewählt werden.
Als zentrale Gründe für das Vertrauen vieler Menschen in die Regierung nannte Allwinn die sichtbaren Verbesserungen der Lebensverhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten, wie die Verringerung sozialer Ungleichheit, der Ausbau sozialer Sicherungssysteme – begleitet durch technologische Innovation – sowie eine konsequente Bekämpfung der Korruption.
Die gut ausgebaute Überwachung sei gesetzlich beschränkt in der Verwendung und diene nur der Sicherheit und dem Verhindern von Korruption. Auch im Umweltbereich habe China in den letzten Jahren deutliche Fortschritte erzielt.
Genannt wurden insbesondere Investitionen in erneuerbare Energien, groß angelegte Aufforstungsprogramme sowie Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität in den großen Städten durch Begrünung.
Die anschließende Diskussion zeigte ein reges Interesse der Teilnehmenden und machte deutlich, dass diese Sichtweisen anderer Länder sehr interessant sind, und dass diese in den Leitmedien so nicht zu finden seien.
Der NachDenkSeiten-Gesprächskreis lädt am Montag, 13. April, ab 19 Uhr zur nächsten Diskussionsrunde zu aktuellen politischen Themen im Weiherhaus in Bensheim-Auerbach ein.
Über den NachDenkSeiten-Gesprächskreis
Der NachDenkSeiten-Gesprächskreis Bensheim/Bergstraße ist einer von über 100 offenen, überparteilichen Diskussionsforen, die sich an den Inhalten und Impulsen der Online-Plattform „NachDenkSeiten“ orientieren.
Ziel ist es, gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Themen kritisch und aus nterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Der Gesprächskreis bietet interessierten Bürgern die Möglichkeit, sich regelmäßig vor Ort zu informieren, zu diskutieren und eigene Standpunkte einzubringen.
Im Mittelpunkt stehen ein respektvoller Dialog, Meinungsvielfalt sowie die Förderung einer lebendigen Debattenkultur jenseits von vorgegebenen Narrativen. Die Treffen finden in der Regel jeden 2. Dienstag im Monat in der Gaststätte Weiherhaus in Bensheim statt, im April jedoch ausnahmsweise am Montag, 13. April.
Kontakt: nds-gk-bensheim@freenet.de











