Etwa 600 bis 800 Pilger sollen es nach Schätzungen des Veranstalters gewesen sein, die am 01. Mai zur Walburgiskapelle in Weschnitz gekommen waren, um gemeinsam mit dem Mainzer Bischof Dr. Peter Kohlgraf Gottesdienst zu feiern und das heilige Abendmahl zu empfangen.
Pilger-Wallfahrt mit Bischof Dr. Peter Kohlgraf in Weschnitz + + + Walburgiskapelle als Quelle der Kraft
Bernhardt M. Riedle
WESCHNITZ. – Alljährlich am 1. Mai pilgern Wallfahrer zur höchsten Bergkirche im Odenwald, der im Fürther Ortsteil Weschnitz gelegenen Walburgiskapelle (470 m). Jung und alt aus den sechs katholischen Weschnitztal-Pfarrgemeinden bekunden damit ihren Glauben und ihre Verbundenheit mit der Namenspatronin der Kapelle auf dem gleichnamigen Berg und der neuen Pfarrei. Erst seit diesem Jahr besteht die Pfarrei unter dem Namen „Heilige Walburga Weschnitztal“. Die Fusion war am 1. Januar.
12.000 Katholiken aus den Pfarrgemeinden Birkenau, Mörlenbach, Rimbach, Fürth, Krumbach und Lindenfels haben seitdem eine neue Heimat „unter einem Dach“. Den Festakt zur Gründung der neuen Pfarrei hatten die Gemeinden im Weschnitztal am 1. Februar mit einem Festgottesdienst in St. Bartholomäus Mörlenbach – der Pfarrkirche der neuen Pfarrei – gefeiert. Das Leitungsteam besteht aus Peter Johannes Xuan Hai Dang als leitendem Pfarrer, dem Pastoralreferenten Christoph Flößer und der Verwaltungsleiterin Birgit Horschler.
1. Mai. Tag der Arbeit. Für Katholiken aber auch Auftakt der Wallfahrten und Maiandachten. Die mächtig klingende Hammelbacher Glocke aus dem Jahr 1949 ruft – weithin hörbar im malerischen Weschnitztal – die Pilger auf den Kapellenberg. Es ist Kaiserwetter.
Seit dem frühen Morgen wandern einige hundert Frauen, Männer und Kinder zur seit 1967 stattfindenden Pilgerwallfahrt am 1. Mai den Berg hinauf. Die Walburgiskapelle mit Ursprung im Jahr 1671 übt auf die Menschen nicht nur zur Wallfahrtszeit eine ungeheure Faszination aus.
Alle erreichten die Kapelle per pedes oder mit dem „Radl“. Nur einer kam im Dienstwagen: der Bischof von Mainz. Peter Kohlgraf. Die Botschaft des Bistums-Oberhirten an seine Odenwälder Schäfchen am Mai-Feiertag: „Mensch sein kann man nur in der Gemeinschaft.“
Dr. Peter Kohlgraf ist ein Mann mit Charisma und Humor. Und voller Selbsterkenntnis. „Ich hatte ein bisschen schlechtes Gewissen, als ich mit meinem Auto so an den Pilgergruppen vorbeifuhr“, teilt er zu Beginn des Gottesdienstes den Besuchern auf dem weiten Rund des Dr. Werner Frassine-Platzes am steinernen Altar mit.
„Eigentlich muss man hier hochlaufen, das gebe ich schon zu“, lässt er seine Zuhörer wissen, aber: „Kommen Sie mal in mein Alter!“. Hohe Heiterkeit und lautes Lachen der Bischof-Fans. Zwischen 600 und 800 sollen es nach Schätzungen des Veranstalters sein.
„Wer vor Hunderten von Jahren die bischöfliche Gewandung erfunden hat“, versucht der Theologe scherzhaft eine kleine Ausrede, „der hat nicht über die Zweckmäßigkeit beim Pilgern nachgedacht“. Dann die frohe Botschaft. „Beim nächstenmal werde ich, so glaube ich, wieder den Fußweg nehmen“, kündigt Kohlgraf an. Ein Mann, ein Wort. Versprochen? Wir werden Seine Eminenz beim Wort nehmen.
Kohlgraf, Sohn eines Maurers und einer Krankenschwester, ist im zarten Alter von gerade mal 59. Der älteste Pilger, den der Autor beim steinigen Aufstieg über den scheinbar nicht mehr endenden Serpentinenweg zwischen riesigen Nadel- und Laubbäumen begleitete, ist stolze 91. Und topfit. Er läuft wie ein junger Gott.
Auch er lacht schallend über den Bischof und seine vermeintlichen Altersbeschwerden. Wohlwollend. Vielleicht weiss er, dass der Würdenträger in Mainz und Umgebung gerne joggt und in seiner Freizeit mit dem Fahrrad unterwegs ist. Den Weschnitzer Berg hätte er locker geschafft. Ohne bischöfliche „Gewandung“ natürlich.
Im „Garderobengespräch“ mit >fakt-in<, während ein Assistent den Bischofsstab zusammenschraubt, nennt der in der Deutschen Bischofskonferenz u.a. für die Pastoral- und die Migrationskonferenz zuständige Mann die Begriffe Disziplin und Ausdauer. Man merkt es ihm in jeder Sekunde seines bereits zweiten Auftritts hoch über Weschnitz an. Der Mann hat Ausdauer. Und diszipliniert ist er weiß Gott.
Als die Kapelle zum Anlegen der Priestergewänder zweckentfremdet wird – eine Sakristei gibt es im Bergkirchlein nicht -, ist der Bischof die Ruhe selbst. Und Manager, der die Stätte seines Gastspiels vorher intensiv inspiziert.
Seine Konzelebranten und die sichtlich aufgeregten Messdiener führt er souverän aus der Kapelle heraus. Von hinten als Chef. Über den steilen Treppenaufstieg hin zum Open-Air-Event. Der Weg hat es in sich. Die Rentner unter den Pfarrern gehen vorsichtig. Selbst unter Walburgas Schutz ist Sturzgefahr.
Schon vorher leuchten Kohlgrafs Augen. Steht im schlichten und dennoch beeindruckenden Portal der Garderobe. Pardon. Kapelle. Macht nach dem „Schön, dass Ihr alle da seid, freuen wir uns auf einen schönen Gottesdienst“ ’ne kleine Kunstpause. Und da ist er. Des Meenzer Bischofs Humor. Sagt „Man riecht schon die Grillwürste“. Will er seine Amtskollegen und die Mädchen und Buben in rot-weiß etwa gleich zum Stand der Weschnitzer Feuerwehr im Wald locken? Doch die „Ermahnung“ folgt auf dem Fuße.
Der Duft von Grillwürsten und die irdischen Verlockungen: „Lasst Euch davon nicht ablenken!“, ermuntert der Chef seine „Herde“. Die Amtsbrüder, darunter der frühere Fürther Pfarreichef Dieter Wessel und der legendäre Monsignore Hermann-Josef Herd vom „Dom der Bergstrasse“ aus Heppenheim, sind gehorsame Männer und folgen ihrem Herrn. Besser: Gehen ihm voran. An den Altar. Mit dem Duft von Grillwürsten in der Nase.

Die bravouröse Katholische Kirchenmusikkapelle Fürth (KKM) unter der leidenschaftlichen Leitung von Wilco Grootenboer gibt dem Einzug klangvoll die kraftvolle Kulisse. Akkustisch. Los geht’s. Am Altar strahlt Kohlgraf dann sein ganzes Charisma aus. Das steckt an. „Vielleicht macht uns dieser Vormittag hier“, appelliert der für seine Predigten, Hirtenworte und Podcasts über Lebensfragen bekannte Bischof an die Gemeinde, „aufmerksamer für die Menschen, die mit uns unterwegs sind“.
Die sonst so ruhige Walburgiskapelle in ihrem Traumwald ist nun ganz laut. Die Vögel stellen ihren Gesang ein. Für einen Moment nur. Durch die Blätter der Baum-Giganten strahlt immer wieder die Sonne. Mal funkelnd bloß. Dann mit gleißendem Lichtstrahl.
Peter Kohlgraf spricht den alles entscheidenden Satz aus. Für Weschnitz. Für die Welt in Kriegen und im Haß. „J e d e r Ort kann zu einem Heiligtum werden“, sagt der kreative Kirchenführer. Er ist froh, dass „wir im Bistum solche Orte wie hier haben“.
Die meisten Besucher der Kapelle als Kraftquelle – das sind inzwischen Jahr für Jahr 30 000 – lieben die Stille auf dem Kapellenberg unweit der fünf gigantischen Windräder. Auch Menschen, die mit Kirche nichts am Hut haben.
Ohne die Theatralik der katholischen Liturgie ist die Stätte ein Ort von geradezu „himmlischem“ Frieden, den diese Welt nicht geben kann. Die innere Einkehr vollzieht sich da oben wie von selbst. Das ist mystisch. Innere Stille. Und obendrauf Traum-Aussicht. Lindenfels. Perle des Odenwaldes. Die Veste Otzberg. Sogar bis zum Kraftwerk Groß-Krotzenburg reicht der Blick.
„Hier an diesem Ort gelingt es uns vielleicht“ – so die Worte von Bischof Peter in seiner Predigt nach dem Johannes-Evangelium („Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“) – „aufmerksamer zu werden für die Menschen, die mit uns unterwegs sind.“ Das ist Hoffnung und Mahnung zugleich.
Die Botschaft versteht jeder an der magischen Stätte. Nur zwei Gottesdienstbesucher nicht. Gerade haben sie vom höchsten Würdenträger ihres Bistums den Leib Christi auf die Hand gelegt bekommen, und die Oblate geschluckt, da keifen sie schon.
Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Jesus. Bergpredigt. „Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Goethe. Faust. Er findet „des nicht in Ordnung“ – glaubt der fromme Mann seine Meinung über die Notwendigkeit der Berichterstattung loswerden zu müssen – , „dass Sie solche Aufnahmen machen, wenn die Leute zur heiligen Kommunion gehen“.
Böse ist er. Aber fast lieb sein Appell: „Sin se so gut un hörnse auf!“ Anders die Weschnitzer Ex-Geschäftsfrau, die den Geist der Kapelle mit dem Kasernenhof zu verwechseln scheint: „Aber sofort!“ Hoppla. Beim Auszug des Bischofs und seinen Amtsbrüdern legt der Mann nach. In Hörweite seiner Eminenz findet er, laut vernehmbar, die Arbeit der Presse „unmöglich“ und attestiert dem Fotografen „kein Fingerspitzengefühl“.
Das Ehepaar aus Neu-Isenburg, das den Autor beim Aufstieg zur Kapellen-Reportage begleitet hatte, ist entsetzt. „Was will der denn?“, schüttelt der wegen der Aufhebung der Exkommunikation des britisch-bischöflichen Holocaust-Leugners Williamson ausgerechnet durch den Deutschen namens Ratzinger 2009 aus der römisch-katholischen Kirche ausgetretene Vater dreier Kinder, „wenn der Papst auf dem Petersplatz die Kommunion austeilt, dann filmt und fotografiert doch die gesamte Weltpresse“.
So endet eine grandiose Pilger-Wallfahrt am faszinierenden Ort und einem sehr würdigen Gottesdienst unter der Regie des alles überragenden Bischof Kohlgraf mit einem Missklang. Gott sei es gedankt – nur am Rande.

Fotos: Bernhardt M. Riedle
Walburga wacht über den Odenwald
„Die heilige Walburga möge über den Odenwald wachen und ihn beschützen“ – diese Worte von Bischof Peter Kohlgraf waren bei vielen Pilgern im Mund, als sie sich nach einem großen Erlebnis an der Walburgiskapelle auf den Weg zum Abstieg machten.
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KKM Fürth und Kleiner Chor Krumbach
Großen Anteil an der mal feierlichen, dann auch besinnlichen Stimmung auf dem Frassine Platz hinter der Walburgiskapelle hatte nicht nur die Katholische Kirchenmusikkapelle (KKM) Fürth unter der Leitung ihres Dirigenten Wilco Grootenboer, sondern auch der Kleine Chor Krumbach mit Markus Welcker. Das Spiel der beiden Gitarren und der Gesang begleiteten den Gottesdienst in ebenso festlicher wie intim bezaubernder Weise.
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Segnung der Moutainbikes
Nicht nur Bischof Kohlgraf kam auf Rädern zur Walburgiskapelle. Auch rund 30 Pilger, an der Spitze der Fürther Bürgermeister Volker Oehlenschläger, rollten den Kapellenberg hinauf – nicht auf vier, sondern auf zwei Rädern.
Ihre Mountainbikes parkten vor dem Treppenaufgang zur Kapelle. Dorthin kam der Bischof nach dem Gottesdienst, um sich die Geräte anzuschauen, und für Begegnungen mit den Pilgern.
Während der Eucharistiefeier hatte Kohlgraf Fahrer und Räder gesegnet: „Bewahre sie vor Unfall und Gefahr“. Der Bischof wünschte den Fahrern einen klaren Blick sowie Achtsamkeit für sich selbst und andere. Er sprach von Respekt vor der Schöpfung und Dankbarkeit für die Schönheit der Natur.
Die Bitte beim Segen: „Erfülle die Radfahrer mit Freude an der Bewegung und an der Gemeinschaft untereinander. Sei ihnen Schutz auf all ihren Wegen. Lasse jede Fahrt auch ein Zeichen sein für unseren Lebensweg mit dir und dass wir nicht alleine unterwegs sind. Stärke ihre Kräfte und führe sie, denn unser Ziel liegt bei dir!“
Die Biker waren um 9 Uhr am Fürther Rathaus aufgebrochen und über Altlechtern, Brombach und Weschnitz zum Kapellenberg gefahren.
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Pilger von nah und fern
Die Pilger kamen von nah und fern zur Walburgiskapelle. So nahmen auch 50 Angehörige der Pfarrei „Guter Hirte im Odenwald“ aus Erbach und Michelstadt am Gottesdienst teil. Auch aus dem Pastoralraum Überwald hatten sich Gläubige auf den Weg nach Weschnitz gemacht. Eine meditative Wanderung zur Kapelle – das war der Beitrag der Fürther Kolpingsfamilie.
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Pilgern als Ausdruck gelebten Glaubens
Der leitende Pfarrer der neugegründeten Pfarrei, Peter Johannes Xuan Hai Dang, hatte den Bischof und die Pilger begrüßt und das Geschenk übergeben: eine Tasche und Tasse mit Pfarrei-Logo sowie Odenwälder Wein.
Auch Anette Scheuermann vom Pfarrbeirat Krumbach sprach am Ende des Gottesdienstes; sie dankte dem Bischof für seinen Besuch, den Gottesdienst und die Predigt zur spirituellen Bedeutung von Wallfahrtsorten und das Pilgern als Ausdruck gelebten Glaubens.
Pastoralreferent Christoph Flößer wies darauf hin, dass genau ein Jahr zuvor an selber Stätte der Name der neu gegründeten Pfarrei Hl. Walburga Weschnitztal offiziell verkündet wurde.
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Dank an die Helfer
Großer Dank gjng an alle Helfer für Organisation, den Auf- und Abbau sowie Fahrdienste, Technik und Parkplatzordnung. Die Bewirtung gleich hinter dem eigens für die Bischofslimousine ausgeschilderten Parkplatz im Wald hatte die Freiwillige Feuerwehr Weschnitz übernommen. Auch Ortsvorsteher Maximilian Dörsam half mit – wie immer, wenn es um Engagenent für die Menschen in Weschnitz und darüber hinaus geht.










