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60 Jahre Freundschaft in Europa mitgestaltet

Gruppenfoto der deutsch-französischen Freunde beim Abschied nach der Jubiläumsfeier. Foto: Gertrud Platt-Rossbach

Olfen pflegt seit dem Jahr 1966 eine Partnerschaft mit der französischen Gemeinde Trévignin + + + Beim Festakt zu diesem Jubiläum in diesem Stadtteil von Oberzent wurde die Bedeutung dieser Verbindung gewürdigt

Bernd Sterzelmaier / Horst Schnur 

OLFEN. – „Es wurden Brücken gebaut, die bis heute tragen.“ Mit diesen Worten fassten die beiden Bürgermeister Christian Kehrer und Nicolas Chapuis in ihren Festreden auf Deutsch und Französisch zusammen, was die Bürger der beiden Dörfer Olfen und Trévignin als Beitrag zur Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen in vielen Begegnungen, von Respekt und Solidarität geprägt, aufgebaut haben.

So wurde in Olfen das Jubiläum 60 Jahre Verschwisterung gefeiert. Dazu waren bereits am Feiertag Christi Himmelfahrt 63 Franzosen mit dem Bus angereist und in gastgebenden Familien untergebracht.

Acht Männer und Frauen hatten die 600 Kilometer nach Beerfelden in vier Etappen mit dem Fahrrad zurückgelegt. Sie trafen ein, als in der „Stadt am Berge“ das Brunnenfest gefeiert wurde. Höhepunkt der Feierlichkeiten war der Festakt im Dorfgemeinschaftshaus Olfen und einem großen Festzelt.

Bürgermeister Christian Kehrer (links) und Nicolas Chapuis in ihren Festreden auf Deutsch und Französisch. Foto: Marei Rossbach

Vom Mut der Annäherung

Die Verschwisterung war 1966 in Trévignin von den Bürgermeistern August Heilmann und René Traversaz besiegelt worden. Olfen wurde drei Jahre später in die Stadt Beerfelden eingemeindet und ist heute Teil von Oberzent.

Trévignin im Département Savoie ist eine selbstständige Gemeinde mit 870 Einwohnern. Olfen hat mittlerweile 310 Einwohner. Diese „Jumelage“ gilt als die kleinste kommunale Partnerschaft in Europa und ist vor Jahren mit der Europafahne ausgezeichnet worden.

In ihren Festreden sprachen die Bürgermeister und Vorsitzenden der Partnerschaftskommission Kehrer und Chapuis auf Deutsch und Französisch davon, wie die vielen Begegnungen von Respekt und Solidarität geprägt sind.

Beide lobten den „Mut zur Annäherung“ wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie erinnerten an den Élysée-Vertrag, den der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer 1963 sowie das Abkommen zum Deutsch-Französischen Jugendwerk unterzeichneten. Dieser Vertrage habe seine Kraft erst durch die Bürger entfaltet.

Irrweg Nationalismus 

„Das ist das wirkliche Europa der Bürger“, sagte der Europaabgeordnete Michael Gahler in seiner Festansprache. Der hessische Landtagsabgeordnete Rüdiger Holschuh formulierte es so: Europa beginne nicht in Brüssel, sondern in den Familien, unter Freunden.

Michael Gahler (MdE, Europaabgeordneter) mit dem Wandbild von den Jugendlichen gestaltet. Foto: Jule Heinz

Deshalb sei es beängstigend, wenn in Dörfern wie Olfen mehr als 30 Prozent der Wähler ihre Stimme einer rechtsnationalen Partei anvertrauten. Nationalismus stärke nicht, sondern spalte. Frühere Generationen hätten schmerzlich erfahren, wohin Hass und Respektlosigkeit führen können. „Zu verstehen, dass der Andere kein Fremder ist, dafür stehen Trévignin und Olfen“, sagte Holschuh.

Stadtverordnetenvorsteher Dirk Daniel Zucht ergänzte: Frankreich und Deutschland als „Motor mit eigenen Visionen“ seien umso wichtiger, je mehr sich die USA von Europa abwenden.

Während des Festaktes wurde wie im Zeitraffer an die vergangenen 60 Jahre erinnert. Als Zeitzeuge erinnerte der frühere Landrat Horst Schnur daran, wie die Lehrer Helfried Fuchs und Marcel Pepin sowie der aus Algerien stammende Dolmetscher Kada Megharbi den Kontakt zwischen beiden Dörfern knüpften.

Der Weg zur „Jumelage“ wurde in den Gefühlen frei, als sich Adam Rösch, bis 1949 französischer Kriegsgefangener in Nord-Afrika, und André Regeraz, Kriegsgefangener in Deutschland, im Gottesdienst in Trévignin die Hand reichten. Rösch war Erster Beigeordneter in Olfen, später Ortsvorsteher und Stadtverordneter.

An das, was Schnur, der über Jahrzehnte mit seiner Frau Traudel die Jugendbegegnungen hier und dort betreute und im Festakt berichtete, knüpften mit ihren persönlichen Erinnerungen unter Moderation von Bernd Sterzelmaier mit Pierre-Yves Pepin und Gunther Fuchs an, die Söhne der beiden damaligen Lehrer.

Sie erzählten, wie sie als Kinder mit ihren Eltern aufeinander zugingen. Isabelle Frindt, Enkeltochter von Adam Rösch und versierte Dolmetscherin während der Festveranstaltung, leitete eine Gesprächsrunde, in der Deutsche und Franzosen berichteten, wie es weiterging.

Erinnerungen an die Anfänge der deutsch-französischen Freundschaft zwischen Olfen und Trévignin.

Die Idee, Produkte aus Savoyen auf dem Pferdemarkt in Beerfelden anzubieten, war aus Gründen der Finanzierung des Jugendaustauschs geboren. Mit den Einnahmen am „Franzosenstand“ mit seinen Spezialitäten aus Savoyen wurde der Austausch auf finanziell stabile Beine gestellt.

Längst ist dieser Austausch nicht mehr auf Jugendliche aus den beiden Dörfern beschränkt. Schüler aus der Oberzentschule Beerfelden engagieren sich hier ebenfalls und verbessern ihre französischen Sprachkenntnisse.

Umgekehrt kamen die Organisatoren auf die Idee, Produkte aus dem Odenwald auf einem Odenwälder Weihnachtsmarkt in Trévignin anzubieten. So sind beide Projekte seit 30 Jahren ein deutsch-französisches Erfolgsmodell.

Den Festakt leitete Ortsvorsteherin Gertrud Platt-Rossbach. Das Treffen wurde finanziell von der Stadt, vom Deutsch-Französischen Bürgerfonds und der Sparkassenstiftung, dem Rotary Club und vielen Einzelspenden unterstützt.

Eine Stadtführung durch Michelstadt war Teil des Besuchsprogramms. Im historischen Rathaus wurden die Franzosen und ihre deutschen Gastgeber von Bürgermeister Dr. Tobias Robischon sowie von Mitgliedern des Freundeskreises Rumily empfangen.

Von Michelstadt ging es weiter in die Oberzent, wo die Stadtverwaltung ein Festessen im Bürgerhaus von Beerfelden vorbereitet hatte. In der Martinskirche wurde am Samstag ein ökumenischer Gottesdienst zelebriert, der von den Pfarrern Roland Bahre und Harald Poggel in deutscher und französischer Sprache geleitet wurde.

Zurück in Olfen, zogen Deutsche und Franzosen mit der französischen Blaskapelle „Les Gabinets de Lyon“ durchs Dorf. Still wurde es auf dem Weg zum Friedhof. Dort wurde eine erneuerte Gedenktafel von Stefan Rossbach enthüllt, die an die inzwischen verstorbenen Wegbereiter der Partnerschaft erinnert.

Das Festprogramm

Zum Programm im Gemeinschaftshaus gehörte der Auftritt eines deutsch-französischen Projektchors, mit dem Iris Thierolf geprobt hatte. Mit Arne Müller an der Geige eröffnete sie den Festakt am Klavier.

Jugendliche hatten unter der Leitung von Jule Heinz auf einer Wand am Gemeinschaftshaus 60 Jahre Partnerschaft illustriert. In einer Zeitkapsel wurden Dokumente auf dem Trévignin-Platz vergraben. Als Gastgeschenk hatten die Franzosen Rebstöcke mitgebracht.

Die Gesangsgruppe „Chorwürmer“ aus Finkenbach sowie Thierry Marin-Laflèche und seine Blaskapelle „Les Gabinets de Lyon“ sorgten für Stimmung. Im großen  Festzelt klang das Jubiläum mit einem Festessen bei sonnigem Wetter in großer Harmonie und Freundschaft aus, bevor am Sonntag früh der Bus zur Heimreise nach Savoyen mit vielen Umarmungen startete.

Gedankt wurde dem Organisationsausschuss mit Gertrud Roßbach für Planung und Organisation des Festablaufs und Eberhard Frindt für die vielen technischen Details. Die finanziellen Angelegenheiten und den Einkauf besorgte Hjördis Jung.

Unterstützung erfuhr die umfangreiche Festgestaltung durch die Stadt Oberzent mit dem städtischen Bauhof. Die Freiwillige Feuerwehr Olfen packte beim Aufbau des Festzeltes und beim Getränkeausschank zu.

Jule Heinz und Pascal Frindt sorgten mit ihren Ideen für Dekoration und Tontechnik sowie gemeinsam mit Victor Kellermann und Kevin Patalla für die Gestaltung eines Wandbildes im Rahmen des Programms für die Jugendlichen.

Die Gymnastikgruppe stand bereit für die Ausgabe von Kaffee und Kuchen und Crement de Savoie. Dank galt allen Gastgebern, die Gäste zur Übernachtung aufgenommen hatten. Jutta Körner übernahm die Verantwortung für die Organisation von Essen und Getränken während des Festaktes.

Als Gastgeschenk hatten die Franzosen Rebstöcke aus Trévignin mitgebracht, an Stelle der Verschwisterungstanne von 1976. Foto: Traudel Schnur

Beim Festakt zum Jubiläum der Partnerschaft zwischen Olfen und Trévignin. Foto: Traudel Schnur

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