„Der Odenwaldkreis ist trotz großer Herausforderungen kein Auslaufmodell“, sagt Kreischef Frank Matiaske
mk-Presse
ODENWALDKREIS / ERBACH. – Mit einem Defizit von rund 7,7 Millionen Euro brachte Landrat Frank Matiaske zu Wochenbeginn den Haushalt des Odenwaldkreises zur Beratung in den Kreistag ein (siehe dazu FAKT-Berichte unter: https://fakt-in.de/2026/06/01/odenwaelder-kreishaushalt-2026-mit-77-mio-euro-defizitaer-landrat-macht-dennoch-mut/ und https://fakt-in.de/2026/06/02/zukunft-gestalten-engagement-anerkennen/).
Die Haushaltsrede von Landrat Frank Matiaske:
> Unter der Oberfläche – Warum kommunale Stärke mehr braucht als gute Zahlen
Die Fläche des Odenwaldkreises umfasst rund 625 qkm, davon rund 60% Waldanteil. Der Odenwaldkreis gehört damit zu den waldreichsten Landkreisen Deutschlands. Und dies sieht man auf Schritt und Tritt, wenn man durch unseren schönen Odenwald geht: Wir sehen mächtige Eichen. Wir sehen dicke Buchen. Wir sehen den Wald als mächtiges grünes Bollwerk.
Uns fasziniert gerade jetzt, in dieser Jahreszeit, die Vielfalt der verschiedenen Grüntöne und das sanfte erdige, das uns beim Betrachten des Waldes umgibt. Was wir allerdings nicht sehen, ist das, was den Wald trägt:
• Die Wurzeln
• Das Wasser
• Die Nährstoffe
• Das feine Geflecht unter der Oberfläche
Dort entscheidet sich,
…ob ein Wald einen trockenen Sommer übersteht;
…ob ein Baum einem Sturm standhält;
…oft lange bevor wir es erkennen – wie widerstandsfähig ein gesamtes Ökosystem wirklich ist.
Mit kommunalen Haushalten verhält es sich ähnlich. Auch hier sehen wir zunächst Zahlen:
• Erträge
• Aufwendungen
• Investitionen
• Defizite
Doch wer verstehen will, wie es um einen Landkreis tatsächlich steht, muss tiefer schauen: Unter die Oberfläche. Denn die eigentliche Geschichte eines Haushaltes beginnt nicht bei den Zahlen. Sie beginnt bei den Entwicklungen, die diese Zahlen hervorgebracht haben.
Und genau deshalb möchte ich heute nicht mit dem Defizit beginnen. Nicht mit Hebesätzen. Nicht mit Kreditermächtigungen. Sondern mit der Frage: In welchem Umfeld bewegen sich die Kommunen in Deutschland derzeit überhaupt?
Denn eines ist offensichtlich:
• Die kommunale Familie steht bundesweit unter erheblichem Druck.
• Die wirtschaftliche Entwicklung bleibt stark hinter den Erwartungen zurück.
• Viele Unternehmen kämpfen mit steigenden Kosten, zunehmender Bürokratie und unsicheren Rahmenbedingungen.
• Die Sozialausgaben steigen kontinuierlich.
• Der öffentliche Personennahverkehr steht, trotz – im internationalen Vergleich – viel zu hoher Fahrpreise vor dem Kollaps bzw. findet in ländlichen Regionen teilweise gar nicht mehr statt.
• Der Fachkräftemangel erreicht nahezu alle Bereiche.
• Die Krankenhauslandschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch.
• Inflation und Energiepreise belasten private und öffentliche Haushalte in einem Maße, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht erlebt haben.
Und gleichzeitig erwarten die Menschen zu Recht leistungsfähige Verwaltungen, gute Schulen, sichere Straßen, funktionierende Mobilität, Gesundheitsversorgung, Digitalisierung und soziale Sicherheit. All das sind berechtigte Erwartungen. Aber all das muss auch finanziert werden.
Und genau hier beginnt die Herausforderung:
Wir erleben permanent, dass Bund und Länder neue Aufgaben definieren, neue Standards festlegen oder bestehende Leistungen ausweiten. Ohne zu überlegen, wie es am Ende finanziert wird. Ohne zu überlegen, welche langfristigen finanziellen Folgen damit verbunden sind.
Die Umsetzung vor Ort wird von oben aufdiktiert: den Städten; den Gemeinden; den Landkreisen. Dort, wo Bürger den Staat tatsächlich erleben. Die kommunale Ebene wird zunehmend und nahezu ausschließlich zum Ausfallbürgen staatlicher Entscheidungen. Wir organisieren die schlauen Ideen anderer. Wir koordinieren – Und wir finanzieren. Wir erhöhen kommunale Steuern, weil sich Bund und Land aus der finanziellen Verantwortung stehlen. Und wir erklären es unseren Bürgern.
Und wir tragen am Ende auch die Verantwortung, wenn etwas nicht funktioniert. All das betrifft längst nicht mehr nur einzelne Aufgabenbereiche. Es betrifft mittlerweile die Grundfrage kommunaler Handlungsfähigkeit.
Dabei dürfen wir eines nicht vergessen: Landkreise und Kommunen sind keine nachgeordneten Behörden des Bundes. Sie sind ein eigenständiger Bestandteil unseres demokratischen Staatsaufbaus. Grundgesetzlich garantiert!
Landkreise, Städte und Gemeinden sind Ausdruck kommunaler Selbstverwaltung. Und diese kommunale Selbstverwaltung ist kein Verwaltungsdetail. Sie ist ein Kernbestandteil unserer Demokratie! Grundgesetzlich garantiert!
Deshalb müssen wir sehr aufmerksam beobachten, wenn die finanziellen Spielräume kommunaler Entscheidungen nicht nur Jahr für Jahr kleiner werden, sondern gegen NULL gehen. Denn kommunale Selbstverwaltung ohne ausreichende finanzielle Handlungsfähigkeit bleibt am Ende ein Verfassungsversprechen ohne ausreichende praktische Wirkung. Welche selbstbestimmten Entscheidungen hat denn der Odenwälder Kreistag in der letzten Legislaturperiode, in den letzten 5 Jahren getroffen?
Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, dann stelle ich fest: Die Herausforderungen haben sich grundlegend verändert. Als ich vor mehr als einem Jahrzehnt das Amt des Landrats übernommen habe, standen andere Fragen im Vordergrund. Als ich vor knapp zwei Jahrzehnten das Amt des Breuberger Bürgermeisters übernommen habe, standen ganz andere Fragen im Vordergrund!
Natürlich sind in dieser Zeit neue Belastungen hinzugekommen:
• Pandemie
• Ukrainekrieg
• Energiekrise
• Inflation
• Migrationsbewegungen
• Krisen der Gesundheitsversorgung
• Steigende Soziallasten
• Und immer komplexere gesetzliche Anforderungen
Viele dieser Entwicklungen konnten und können wir nicht beeinflussen. Aber wir mussten und müssen mit ihren Folgen umgehen! Und genau darin liegt eine besondere Stärke kommunaler Ebene: Wir sind nah an den Menschen. Wir reagieren pragmatisch. Wir suchen Lösungen. Nicht immer perfekt. Aber verlässlich.
Der Odenwaldkreis hat dies in den vergangenen Jahren vielfach und immer wieder bewiesen. Wir haben Herausforderungen nicht ausgesessen. Wir haben gehandelt. Wir haben investiert. Wir haben Verantwortung übernommen. Und wir haben dabei immer versucht, die Belastungen für unsere Städte und Gemeinden im Blick zu behalten. Darauf können wir gemeinsam stolz sein!
Denn eines wird bei der Diskussion über Haushaltszahlen häufig vergessen: Hinter jeder Zahl stehen Menschen – Odenwälder. Hinter jeder Ausgabe steht eine Aufgabe für diese Menschen. Hinter jeder Investition steht ein Ziel für diese Menschen und die Region. Und hinter jedem Defizit steht eine Entwicklung, die erklärt werden muss.
Deshalb geht es heute nicht nur um einen Haushaltsplan. Es geht um die Frage, wie wir die Zukunft unseres Landkreises gestalten wollen. Es geht um die Frage, welche Handlungsspielräume wir erhalten können. Und es geht um die Frage, wie wir kommunale Stärke auch unter schwierigen Rahmenbedingungen sichern.
Der Haushaltsentwurf, den ich Ihnen heute vorlege, ist deshalb kein Wunschhaushalt. Er ist ein realistischer Haushalt. Ein Haushalt, der die Wirklichkeit abbildet. Ein Haushalt, der Probleme nicht versteckt. Ein Haushalt, der Risiken benennt. Aber auch ein Haushalt, der Verantwortung übernimmt.
Und genau deshalb möchte ich nun mit Ihnen einen Blick auf die konkreten Zahlen und Entwicklungen des Haushaltsjahres 2026 werfen.
Teil 2 – Der Haushalt 2026: Ehrliche Zahlen in schwierigen Zeiten
Die nüchternen Zahlen sind schnell genannt. Der Ergebnishaushalt weist Erträge von rund 232,6 Millionen Euro und Aufwendungen von rund 240,2 Millionen Euro aus. Daraus ergibt sich ein ordentliches Defizit von rund 7,7 Millionen Euro.
Damit haben wir das Defizit gegenüber der Prognose des Ergebnisses für 2025 zwar fast halbiert, Grund zur „Entwarnung“ ist aber nicht gegeben. Der Haushalt 2026 zeigt weiterhin die enormen Belastungen, denen die kommunale Ebene derzeit ausgesetzt ist. Und natürlich summieren sich die Defizite und müssen in der Zukunft ausgeglichen werden.
Der Haushalt zeigt neben diesen Defiziten aber andererseits auch, dass wir weiterhin handlungsfähig sind. Dass wir investieren. Dass wir gestalten. Und dass wir trotz aller Schwierigkeiten verantwortungsvoll wirtschaften. Das ist keineswegs selbstverständlich. Die Rücklagen, die wir in früheren Jahren aufbauen konnten, stehen schon lange nicht mehr zur Verfügung. Sie sind aufgezehrt. Damit befinden wir uns in einer Situation, die viele Landkreise in Hessen inzwischen teilen.
Wir können finanzielle Probleme nicht mit Reserven aus der Vergangenheit lösen. Wir müssen uns ihnen in der Gegenwart stellen. Und genau das tun wir.
Der erste wichtige Punkt dieses Haushalts lautet: Wir legen Ihnen heute einen ehrlichen Haushalt vor. Wir rechnen nichts schön. Wir verstecken keine Risiken. Wir arbeiten nicht mit pauschalen Hoffnungsposten. Im Gegenteil.
Wir haben in diesem Jahr bewusst darauf verzichtet, erneut sogenannte globale Minderausgaben in Millionenhöhe anzusetzen. Denn die Erfahrungen des vergangenen Jahres habt gezeigt, dass diese Einsparungen in der Praxis kaum realisiert werden konnten.
Das mag auf den ersten Blick unangenehm erscheinen. Es erhöht das ausgewiesene Defizit. Aber es erhöht auch die Glaubwürdigkeit unserer Planung. Und ich bin überzeugt: Ein ehrliches Defizit ist besser als ein künstlich schön gerechneter Haushalt. Denn Haushaltswahrheit und Haushaltsklarheit bleiben zentrale Grundsätze verantwortungsvoller Politik.
Gleichzeitig ist dieser Haushalt Ausdruck einer klaren Prioritätensetzung. Wir investieren weiterhin in die Zukunftsfähigkeit unseres Landkreises. Gerade in schwierigen Zeiten wäre es der falsche Weg, notwendige Zukunftsinvestitionen vollständig einzustellen.
Wer in Krisenzeiten nur noch verwaltet, verliert die Zukunft aus dem Blick. Deshalb investieren wir auch 2026 weiter:
• In unsere Schulen.
• In die Digitalisierung.
• In die Verwaltung.
• In den Brand- und Katastrophenschutz.
• In die Gesundheitsversorgung.
Besonders die Investitionen in die digitale Infrastruktur unserer Schulen zeigen, dass wir Bildung weiterhin als zentrale Zukunftsaufgabe verstehen. Denn die wichtigste Ressource, die der Odenwaldkreis besitzt, sind Nicht Gebäude. Nicht Maschinen. Nicht tolle Konzepte, die mit viel Aufwand erstellt werden, um dann in der Schublade zu verschwinden. Die wichtigste Ressource sind die Menschen.
Und deshalb bleibt Bildung eine der wichtigsten Investitionen überhaupt. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an unseren Ersten Kreisbeigeordneten Oliver Grobeis, der diese wichtige Aufgabe so engagiert umsetzt.
Ein zweiter wichtiger Aspekt dieses Haushalts ist die Entwicklung der Kreis- und Schulumlage. Als früherer Bürgermeister weiß ich natürlich, dass diese für unsere Städte und Gemeinden ein besonders sensibles Thema ist. Denn natürlich sind auch dort die finanziellen Spielräume kleiner geworden. Alles, was ich in dieser Haushaltsrede beschreibe, trifft 1:1 auch für die Städte und Gemeinden zu.
Deshalb war es für mich persönlich stets ein zentrales Ziel – das zentrale Ziel – die Belastungen sorgfältig abzuwägen. Insofern die erfreuliche Botschaft: Der Gesamtumlagesatz bleibt im Jahr 2026 unverändert bei 58 Prozent. Innerhalb dieses Gesamtumlagesatzes verschieben sich die Anteile zwischen Kreis- und Schulumlage. Doch die Gesamtbelastung bleibt konstant. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Viele Landkreise in Hessen sehen sich zu – zum Teil – erheblichen Umlageerhöhungen gezwungen. Wir haben einen anderen Weg gewählt. Nicht, weil wir die finanziellen Probleme nicht sehen. Sondern weil wir die Situation unserer Städte und Gemeinden ebenso ernst nehmen wie unsere eigene. Der Odenwaldkreis und seine Kommunen sitzen nicht auf unterschiedlichen Seiten des Tisches.
Wir sitzen auf derselben Seite. Wir tragen Verantwortung für dieselben Bürger! Und deshalb müssen wir gemeinsam nach Lösungen suchen. Nicht gegeneinander – Sondern miteinander!
Wenn wir also die Gesamtlage dieses Haushalts betrachten, dann ergibt sich ein scheinbarer Widerspruch: Wir haben ein Defizit. Aber wir investieren. Wir haben wachsende Belastungen. Aber wir halten den Umlagesatz stabil. Wir verfügen über keine Rücklagen. Aber wir vermeiden zusätzliche investive Verschuldung, die uns über Jahrzehnte begleiten würde.
Dieser Widerspruch löst sich auf, wenn wir erkennen, worum es eigentlich geht. Es geht nicht um die Frage, ob der Haushalt leicht oder schwer verdaulich ist. Diese Frage stellt sich längst nicht mehr. Er ist schwer verdaulich. Wie nahezu alle kommunalen Haushalte in Deutschland derzeit schwer verdaulich sind.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Gehen wir verantwortungsvoll mit dieser Situation um? Und ich bin überzeugt: Ja! Dieser Haushaltsentwurf zeigt einen verantwortungsvollen Weg. Er verschweigt die Probleme nicht. Aber er verliert darüber auch nicht die Zukunft aus dem Blick.
Um die tatsächlichen Ursachen der finanziellen Belastungen zu verstehen, müssen wir allerdings noch einmal tiefer schauen. Unter die Oberfläche. Denn die eigentlichen Herausforderungen dieses Haushalts liegen nicht bei den freiwilligen Leistungen. Nicht bei Prestigeprojekten. Und auch nicht bei luxuriösen Wünschen. Sie liegen an ganz anderer Stelle. Und genau darüber möchte ich im nächsten Abschnitt sprechen.
Teil 3: Was uns belastet – und warum wir darüber reden müssen
Wenn wir über einen Haushalt sprechen, dann stellt sich immer die Frage: Wo entstehen eigentlich die Belastungen? Wo liegen die Ursachen? Und vor allem: Was können wir selbst beeinflussen – und was nicht?
Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn sie entscheidet darüber, ob politische Debatten ehrlich geführt werden oder nicht. Deshalb möchte ich an dieser Stelle sehr klar sagen:
• Die finanzielle Herausforderung des Odenwaldkreises entsteht nicht durch überzogene Wünsche.
• Sie entsteht nicht durch großzügige freiwillige Leistungen.
• Sie entsteht nicht durch mangelnde Haushaltsdisziplin.
• Die wesentlichen Belastungen entstehen in Bereichen, in denen wir gesetzliche Verpflichtungen erfüllen.
• In Bereichen, in denen wir Aufgaben übernehmen, die der Staat den Bürgern zugesagt hat und weiter zusagt.
Und genau deshalb müssen wir darüber sprechen. Nicht um Schuldige zu suchen. Sondern um Zusammenhänge verständlich zu machen. Ein wesentlicher Kostentreiber ist die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Jeder von uns wünscht sich, dass Kinder sicher aufwachsen. Jeder von uns möchte, dass Familien Unterstützung erhalten, wenn sie sie benötigen. Jeder von uns weiß, dass frühe Hilfe oft spätere Probleme verhindert. Deshalb stellt niemand diese Leistungen grundsätzlich infrage.
Und dennoch müssen wir feststellen:
• Die Fallzahlen steigen.
• Die Komplexität der Fälle steigt.
• Die Kosten pro Fall steigen.
• Und damit steigen auch die finanziellen Belastungen der Landkreise.
Dabei handelt es sich nicht um eine Entwicklung, die allein den Odenwaldkreis betrifft. Sie betrifft alle Landkreise Deutschlands. Wir erleben zunehmend Unterstützungsbedarfe bei Kindern und Jugendlichen. Wir erleben psychische Belastungen. Wir erleben familiäre Krisensituationen. Wir erleben Integrationsaufgaben. Wir erleben einen steigenden Fachkräftebedarf in allen sozialen Berufen. Und wir erleben immer wieder neue, höhere Standards, die der Bund und das Land setzen.
All das verursacht Kosten. Immense Kosten Aber hinter diesen Kosten stehen Menschen. Deshalb dürfen wir diese Entwicklung weder ignorieren noch ausschließlich unter finanziellen Gesichtspunkten betrachten. Gleichzeitig müssen wir jedoch offen die Frage stellen dürfen: Wie lange können Landkreise diese Entwicklung finanziell noch tragen?
Ähnliches gilt für die Eingliederungshilfe. Sie gehört zu den großen sozialpolitischen Errungenschaften unseres Landes. Menschen mit Handicaps und Behinderungen sollen ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen können. Dafür besteht ein breiter gesellschaftlicher Konsens – Und das ist gut so.
Doch auch hier steigen Fallzahlen und Kosten seit Jahren kontinuierlich an. Direkte Kosten in unserem Haushalt und Kosten, die wir über Umlagen für den Landeswohlfahrtsverband tragen.
Die Landkreise geraten dadurch zunehmend in eine Situation, in der sie zwar für die Umsetzung verantwortlich sind, die finanziellen Spielräume jedoch immer kleiner werden. Es ist deshalb legitim zu fragen: Wie kann ein leistungsfähiger Sozialstaat, so wie wir ihn in Deutschland definieren, dauerhaft finanziert werden? Und wie verhindern wir, dass gerade die kommunale Ebene dabei überfordert wird?
Ein weiteres Thema bewegt die Menschen im Odenwaldkreis besonders:
• Die Gesundheitsversorgung
• Unser Kreiskrankenhaus, unser Gesundheitszentrum Odenwald
• Unsere medizinische Versorgung im ländlichen Raum insgesamt
Die Krankenhausreform verfolgt nachvollziehbare Ziele:
• Qualität
• Spezialisierung
• Wirtschaftlichkeit
Aber wir erleben vor Ort, wie die Krankenhäuser bereits heute unter erheblichem wirtschaftlichem Druck stehen. Gerade im ländlichen Raum. Und wie Defizite über die Kreisumlage finanziert werden müssen. Und deshalb reicht es nicht aus, Reformen anzukündigen. Es reicht nicht aus, Strukturveränderungen zu beschreiben.
Es muss auch sichergestellt werden, dass die Übergangsphase finanziell überlebt werden kann. Denn ein Krankenhaus, das den Zeitraum bis zur – lange – angekündigte Reform nicht überlebt, kann anschließend auch nicht reformiert werden.
Für uns im Odenwaldkreis ist klar: Eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung bleibt ein zentraler Bestandteil gleichwertiger Lebensverhältnisse. Wer den ländlichen Raum stärken will, muss auch seine medizinische Infrastruktur sichern.
Gleiches gilt für den öffentlichen Personennahverkehr: Die vielzitierte Verkehrswende hat – aus der Berliner Brille – ausschließlich den Ballungsraum im Blick. Auch das Land Hessen fördert nur die Verkehrsverbünde – und damit regionale Verkehre, nicht jedoch lokale Verkehre.
Ein ländlicher Landkreis wie der Odenwaldkreis bleibt auf der Strecke: der hat nämlich nur zwei Regionalstrecken – die Odenwaldbahn und die Regionalbuslinie im Gersprenztal in Richtung Darmstadt. Alle anderen Verkehre, die die Ortschaften jenseits dieser Strecken verbinden, finanzieren wir ganz alleine. Mit Kostensteigerungen in Millionenhöhe.
Verdopplungen des Defizits, das wir aus unserem Kreishaushalt tragen müssen, innerhalb von wenigen Jahren. Damit komme ich zu einem Punkt, der mich seit Jahren beschäftigt: Die zunehmende Diskrepanz zwischen Aufgaben und Finanzierung. In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland begegnet mir immer wieder dieselbe Wahrnehmung.
Die kommunale Ebene soll immer mehr leisten:
• Mehr Betreuung
• Mehr Versorgung
• Mehr Dokumentation und Berichtspflichten
• Mehr Standards
• Mehr Kontrolle
• Mehr Förderverfahren
• Mehr Digitalisierung
• Mehr Regulierung
All das geschieht häufig mit den besten Absichten. Aber selten wird gleichzeitig gefragt:
• Wer soll das leisten?
• Wer soll das bezahlen?
• Wer soll dafür das Personal finden?
Die kommunale Ebene ist kein Fass ohne Boden. Weder Landkreise noch Städte und Gemeinden verfügen über unbegrenzte finanzielle Ressourcen. Die finanziellen Ressourcen, die wir benötigen, müssen wir uns von den Bürgern holen.
Während andere Ebenen bei uns nur bestellen, betonen sie vollmundig, dass es mit ihnen keine Steuererhöhungen gibt. Dafür nehmen sie die Kreistagsabgeordneten in die Pflicht, die die Kreisumlage erhöhen sollen.
Und die Gemeindevertreter, die die Grund- und Gewerbesteuer erhöhen müssen. Ich nenne dies „drücken vor der Verantwortung“! Und deshalb müssen wir diese Diskussion führen. • Sachlich • Respektvoll • Aber deutlich
Denn wer kommunale Selbstverwaltung erhalten möchte, muss den Kommunen auch die Mittel geben, ihre Aufgaben zu erfüllen. Ich sage ausdrücklich:
• Bund und Land sind nicht unsere Gegner.
• Viele Herausforderungen können nur gemeinsam gelöst werden.
• Förderprogramme – wenn sie gut angelegt sind – helfen uns.
• Viele Entscheidungen sind notwendig.
Aber Partnerschaft bedeutet auch Ehrlichkeit. Und zur Ehrlichkeit gehört die Feststellung: Die Schere zwischen Aufgaben und Finanzierung hat sich in den vergangenen Jahren ins unermessliche geöffnet. Diese Entwicklung ist nicht nachhaltig. Sie gefährdet die Handlungsfähigkeit der kommunalen Ebene.
Und sie gefährdet den Zusammenhalt der Menschen in unserem Land! Und genau deshalb brauchen wir eine neue Debatte über kommunale Finanzen. Eine Debatte, die nicht bei Einzelprogrammen beginnt. Sondern bei der grundsätzlichen Frage: Welche Aufgaben sollen Kommunen dauerhaft erfüllen? Und wie werden diese Aufgaben dauerhaft finanziert?
Bei aller Kritik möchte ich jedoch eines betonen: Der Odenwaldkreis steht nicht am Rand seiner Handlungsfähigkeit! Wir stehen vor erheblichen Herausforderungen. Aber wir verfügen weiterhin über starke Strukturen.
Über engagierte Menschen im Kreis, über engagierte Mitarbeiter. Über leistungsfähige Städte und Gemeinden. Über solide Unternehmen, Vereine und Ehrenamtliche. Über Menschen, die Verantwortung übernehmen. Und genau deshalb bin ich überzeugt: Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir Herausforderungen haben. Die haben wir.
Die entscheidende Frage lautet: Wie gehen wir mit ihnen um? Und darauf möchte ich nun im letzten Teil meiner Rede eingehen. Denn neben allen Belastungen gibt es auch viele Gründe, mit Zuversicht auf die Zukunft unseres Odenwaldkreises zu blicken.
Teil 4: Was uns stark macht – und warum wir zuversichtlich sein können
Wer ausschließlich auf Defizite blickt, übersieht leicht die andere Seite der Wirklichkeit. Denn ein Haushalt besteht nicht nur aus Belastungen.
• Er erzählt auch etwas über Leistungsfähigkeit.
• Über Zusammenhalt.
• Über Zukunftsfähigkeit.
Und genau deshalb möchte ich zum Abschluss den Blick noch einmal weiten. Denn trotz aller Schwierigkeiten gibt es viele Gründe, warum wir mit Zuversicht auf die kommenden Jahre schauen können. Der erste Grund ist unsere Region selbst. Der Odenwaldkreis war noch nie eine Region, die ihren Erfolg aus einfachen Rahmenbedingungen gezogen hat.
Wir verfügen nicht über die Standortvorteile großer Ballungsräume. Und dennoch hat sich unsere Region immer wieder behauptet – heute, gestern, über viele Jahrhunderte. Warum? Weil hier Menschen leben, die Verantwortung übernehmen. Weil hier Unternehmen, die in der Region verankert sind, investieren. Weil hier Vereine Gemeinschaft stiften. Weil hier Ehrenamt gelebt wird. Und weil hier ein starkes Gefühl von Zusammengehörigkeit existiert. Das ist ein Wert, der in keiner Bilanz auftaucht. Aber er ist oft mehr wert als jede Bilanzposition.
Ein zweiter Grund für Zuversicht liegt in der Zusammenarbeit innerhalb unseres Landkreises. Natürlich gibt es unterschiedliche Interessen. Natürlich gibt es Diskussionen. Natürlich gibt es auch Konflikte. Das gehört zur Demokratie. Aber wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, dann sehe ich vor allem eines:
• Wir haben gelernt, Herausforderungen gemeinsam anzugehen.
• Der Odenwaldkreis und seine Städte und Gemeinden verstehen sich nicht als Konkurrenten.
• Wir verstehen uns als Verantwortungsgemeinschaft.
Das ist keineswegs selbstverständlich. Gerade in finanziell schwierigen Zeiten besteht immer die Gefahr, dass einzelne Ebenen versuchen, Probleme auf andere Ebenen zu verlagern. Doch damit wäre niemandem geholfen. Nicht den Städten. Nicht den Gemeinden. Nicht dem Landkreis. Und schon gar nicht den Bürgern.
Deshalb möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich Danke sagen: Den Bürgermeistern. Den kommunalen Mandatsträgern. Den Mitarbeitenden in den Rathäusern. Für die vertrauensvolle Zusammenarbeit der vergangenen Jahre. Denn viele Lösungen sind nur deshalb möglich geworden, weil wir miteinander gesprochen haben. Nicht übereinander!
Ein dritter Grund für Zuversicht liegt in unserer Fähigkeit zur Veränderung. Wenn ich auf die vergangenen elf Jahre blicke, die ich Landrat sein darf, dann hat sich der Odenwaldkreis in vielen Bereichen weiterentwickelt.
• Wir haben erhebliche Fortschritte beim Breitbandausbau erzielt.
• Wir haben die Digitalisierung der Verwaltung vorangetrieben.
• Wir haben massiv in unsere Schulen und in das GZO investiert.
• Wir haben die Gesundheitsversorgung auf gutem Niveau gehalten.
• Wir haben den öffentlichen Nahverkehr weiterentwickelt.
• Wir haben neue Impulse für Wirtschaft, Bildung und Innovation gesetzt.
• Und wir haben immer wieder gezeigt, dass auch ein ländlicher Landkreis Zukunft gestalten kann.
Gerade deshalb wehre ich mich gegen das Bild vom ländlichen Raum als Problemraum, das leider oft – gerade aus Sicht des Ballungsraums – gezeichnet wird. Der ländliche Raum ist kein Auslaufmodell. Im Gegenteil!
Viele Entwicklungen sprechen dafür, dass seine Bedeutung wieder wächst:
• Die Sehnsucht nach Lebensqualität,
• Die Möglichkeiten digitalen Arbeitens,
• Die Bedeutung regionaler Wertschöpfung,
• Die Frage nach Nachhaltigkeit.
All das eröffnet Chancen. Nicht irgendwann – sondern heute. Der Odenwaldkreis muss sich deshalb nicht verstecken. Wir können selbstbewusst auf das schauen, was wir erreicht haben. Und gleichzeitig offen bleiben für das, was noch vor uns liegt. Wenn wir über Zukunft sprechen, dann sprechen wir vor allem über unsere Kinder und Enkel. Über Bildung, über Chancen, über Lebensqualität
Über die Frage, in welcher Region sie einmal leben möchten. Deshalb bleiben Investitionen in Bildung, Digitalisierung, Infrastruktur und Gesundheitsversorgung richtig und wichtig. Auch in schwierigen Zeiten. Vielleicht sogar gerade dann!
Denn wer nur die Gegenwart verwaltet, wird die Zukunft verlieren. Unsere Aufgabe besteht darin, beides zusammenzubringen. Verantwortung für heute und Verantwortung für morgen. Genau das versucht dieser Haushalt. Er verschweigt die Schwierigkeiten nicht. Aber er kapituliert auch nicht vor ihnen. Er beschreibt die Realität. Und er eröffnet Handlungsmöglichkeiten.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen Sie mich zum Schluss noch einmal zu dem Bild zurückkehren, mit dem ich begonnen habe. Zu dem, was unter der Oberfläche liegt. Wenn wir durch den Odenwald gehen, sehen wir den Wald. Wir sehen starke Stämme. Wir sehen mächtige Kronen. Wir sehen das Sichtbare. Doch die eigentliche Stabilität entsteht darunter. In den Wurzeln. Im Zusammenspiel vieler Kräfte. In einem Geflecht, das man oft erst bemerkt, wenn es nicht mehr funktioniert.
So verhält es sich auch mit einem Landkreis. Die eigentliche Stärke eines Gemeinwesens entsteht nicht in Überschriften. Nicht in Schlagzeilen. Auch nicht in „Likes“ in den sozialen Medien. Und nicht in einzelnen Haushaltszahlen.
Sie entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen. Wo Institutionen funktionieren. Wo Vertrauen vorhanden ist. Wo man bereit ist, gemeinsam Lösungen zu suchen. Und genau diese Stärke besitzt der Odenwaldkreis!
Deshalb sollten wir die Herausforderungen nicht kleinreden. Aber wir sollten uns auch nicht von ihnen entmutigen lassen. Denn wir verfügen über etwas, das in schwierigen Zeiten besonders wertvoll ist:
• Zusammenhalt
• Verlässlichkeit
• Und die Fähigkeit, gemeinsam Verantwortung zu tragen
Der Haushaltsentwurf 2026 ist Ausdruck dieser Haltung. Er ist kein einfacher Haushalt. Aber er ist ein verantwortungsvoller Haushalt. Ein Haushalt, der Probleme offen benennt. Ein Haushalt, der Zukunft ermöglicht. Und ein Haushalt, der deutlich macht: Kommunale Stärke braucht mehr als gute Zahlen. Sie braucht starke Wurzeln. Sie braucht Vertrauen. Sie braucht Zusammenarbeit.
Und sie braucht Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Dafür möchte ich mich bei allen bedanken, die täglich ihren Beitrag dazu leisten. Lassen Sie uns diesen Weg gemeinsam weitergehen. Mit Realismus, mit Verantwortung und mit Zuversicht. <










