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In Kampfabstimmungen obsiegt jeweils das „Bündnis für Michelstadt“

Der neu gewählte Magistrat der Stadt Michelstadt, zusammen mit der neuen Parlamentsvorsteherin Dr. Erika Ober (6. von links) und Bürgermeister Dr. Tobias Robischon (5. von links) sowie Schriftführer Mathias Nowak (5. von rechts): Anni Resch, Joachim Lang (beide CDU), Günter Lewold und Hans Laudenbeger (beide ÜWG), Tim Koch (GRÜNE), Erster Stadtrat Roger Tietz, Jutta Emig (beide SPD) und Maximilian Promny (FDP, von links). Es fehlt der abwesende Hans-Joachim Prassel (SPD) sowie das zehnte noch zu wählende Magistratsmitglied. Foto: er

Dr. Erika Ober zum „Ersten Bürger“ der Stadt Michelstadt gewählt + + + Die neue „Bündnis“-Mehrheit aus SPD, GRÜNEN und FDP setzt sich auch durch mit der personellen Magistratserweiterung von seither neun auf künftig zehn ehrenamtliche Mitglieder

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MICHELSTADT. – „Ich bin auf alles vorbereitet, darauf aber nicht.“ Lutz Hasenzahl (FDP) war ebenso überrascht wie zumindest die Mehrheit der neu gewählten Mandatsträger in den kommunalen Michelstädter Gremien.

Gerade hatte Bürgermeister Dr. Tobias Robischon zu Beginn der konstituierenden Sitzung der Stadtverordneten mit Georg Walther (CDU) den Dienstaltersvorsitzenden im Michelstädter Stadtparlament benannt, und ihn als damit zuständigen Sitzungsleiter zur Wahl eines Stadtverordnetenvorstehers auserkoren, ehe dieser aber mit der Begründung ablehnte selbst für dieses Amt zu kandidieren.

So folgte denn mit Lutz Hasenzahl der zweitälteste Dienstaltersvorsitzende in der Michelstädter Stadtverordnetenversammlung. Und dieser nahm das Ehrenamt an, konstatierte aber mit einem Augenzwinkern „nun ist es offiziell, ich bin alt“.

19 Stimmen für Dr. Erika Ober spiegeln Sitzverhältnis von SPD, GRÜNEN und FDP

Hasenzahl leitete die geheime Wahl, an deren Ende 19 Mandatsträger für Dr. Erika Ober votiert hatten. Die Michelstädter Frauenärztin im Ruhestand erhielt damit eine Stimme mehr als Georg Walther auf den 18 Voten entfielen.

Mit diesem Stimmverhalten bildet sich exakt die Mehrheit zwischen SPD, GRÜNEN und FDP einerseits sowie CDU und ÜWG andererseits ab (siehe dazu auch FAKT-Bericht unter: https://fakt-in.de/2026/04/21/dr-erika-ober-als-erste-frau-im-odenwaldkreis-zur-vorsteherin-eines-kommunalparlaments-gewaehlt/).

Mit Dr. Erika Ober hatte die SPD als stärkste Parlamentsfraktion „nach gutem parlamentarischen Brauch“ ihre Kandidatin zur Wahl an die Spitze der Stadtverordneten benannt. Der sozialdemokratische Fraktionschef Dr. Michael Hüttenberger skizierte das berufliche und politische Wirken der seit 1985 in Michelstadt tätigen Frauenärztin Erika Ober.

Seit 1985 als Frauenärztin in Michelstadt und Erbach tätig

Die  in Saarbrücken geborene Ärztin kam 1985 nach Michelstadt. Als niedergelassene Frauenärztin war sie in den ersten sieben Jahren Belegärztin im heutigen Gesundheitszentrum in Erbach. „Es gibt Menschen in unserer Stadtverordnetenversammlung, die selbst oder deren Kinder mit ihrer Hilfe das Licht der Welt erblickt haben“, sagte Hüttenberger.

Ihre ärztliche Praxis baute sie sukzessive aus, zu Beginn dieses Jahres hat sie sie nach 40 Jahren an ihre Tochter Sita übergeben. „Das verschafft ihr noch mehr Zeit für ihr ohnehin schon unermüdliches politisches Engagement in Stadt, Kreis, Land und Bund.“

Hauptamtliche Jahre erlebte sie in der 15. und zum Teil auch der 16. Wahlperiode des Deutschen Bundestages, als Abgeordnete im Landeswohlfahrtsverband, als Vorstandsmitglied diverser Wohlfahrtsverbände wie DRK oder AWO, als Kreistagsabgeordnete seit 1997 bis dato, zuletzt im Kreisausschuss.

„Man kennt Erika Ober und schätzt sie“

„Man kennt Erika Ober und schätzt sie“, sagte Hüttenberger. „Jedes Mal wird sie in die politischen Gremien gewählt, egal, wie weit hinten man sie versteckt, diesmal in Michelstadt auf dem vorletzten Listenplatz.“ Auf dem Ehrenplatz hinter ihr rangierte nur noch der seitherige Parlamentsvorsteher, Andreas Klar.

Das sei „ein wiederholter Vertrauensbeweis der Michelstädter, der uns als SPD-Fraktion veranlasst hat, sie zu bitten, nicht nur ihr Mandat anzunehmen, sondern auch als Stadtverordnetenvorsteherin zu Verfügung zu stehen. Wir freuen uns sehr, dass sie beiden Bitten entsprochen hat und bereit ist, dieses Amt zu übernehmen. Nicht weil sie >muss<, sondern, wie sie selbstbewusst sagt, weil sie kann.“

„Zustimmung für eine Frau, der man dank ihrer Lebenserfahrung nichts vormachen kann“

Hüttenberger bat um „Zustimmung für eine Frau, der man dank ihrer politischen und menschlichen Lebenserfahrung nichts vormachen kann“. Eine Frau, die klare Kante zeige, wenn es darauf ankommt, eine Frau, die mit zunehmendem Alter ihre diplomatischen Kompetenzen immer weiter ausgebaut habe.

„Von daher haben wir sie genau zum richtigen Zeitpunkt gefragt. Erika Ober wäre als Stadtverordnetenvorsteherin die erste Frau in Michelstadt, die jemals in dieses Amt gewählt wurde.

Werden Sie mit Ihrer Zustimmung Teil dieses für Michelstadt historischen Ereignisses, lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass wir in der uns von der hessischen Landesregierung auferlegten genderfreien Amtssprache sagen können: >Der erste Bürger Michelstadts ist eine Frau: Dr. Erika Ober.<“

Andreas Funken: „Georg Walther ist ein idealer Bewerber für dieses Amt“

Diesem Aufruf der SPD für die Kandidatin Erika Ober entgegnete Andreas Funken (CDU) mit seiner Fürsprache für den christdemokratischen Kandidaten Georg Walther: „Wir wollen mit der Benennung unseres Kandidaten und unter dem Label >Findet das Beste für Michelstadt< dafür sorgen, dass eine echte Wahl möglich ist.“

Denn schließlich sei man von den neuen Koalitionären „vor vollendete Tatsachen gestellt“ worden. „Seine erworbene Erfahrung, seine Qualifikation, seine Persönlichkeit und seine Orientierung an der Sache zeichnen ihn aus.“ Auch seine Identifikation und Akzeptanz machten Georg Walther zu einem idealen Bewerber für dieses Amt, befand Andreas Funken.

Für die Überparteiliche Wählergemeinschaft (ÜWG) kündigte deren Fraktionschef Bernd Keller die Unterstützung Walthers an und befand ebenfalls von SPD, GRÜNEN und FDP ohne jegliche Gespräche und Einflussmöglichkeit nur vor vollendete Tatsachen mit einer neuen Koalition gestellt worden zu sein.

Die jetzt getroffene Entscheidung für Georg Walther richte sich nicht gegen Erika Ober, „sondern gegen die Arroganz der neuen Ampelregierung“, sagte Keller abschließend.

Dr. Jonas Schönefeld: „Respekt für beide Kandidaten“

„Respekt für beide Kandidaten“ zollte der Fraktionssprecher der GRÜNEN, Dr. Jonas Schönefeld, Dr. Erika Ober und Georg Walther gleichermaßen. Gleichwohl habe man sich auf Ober verständigt, weil man in den vergangenen fünf Jahren kollegial mit den Sozialdemokraten zusammengearbeitet habe und der SPD-Kandidatin zutraue, die Menschen zusammenzuführen.

Diese Einschätzung teilte auch Graf Louis zu Erbach-Fürstenau für die FDP-Fraktion und warb um Zustimmung für Dr. Erika Ober als neue Parlamentsvorsteherin, die schließlich auch den Vorzug erhielt.

Zu deren gleichberechtigten Stellvertretern wurden Dr. Michael Hüttenberger (SPD), Sandra Allmann (CDU), Bernd Keller (ÜWG), Dr. Jonas Schönefeld (GRÜNE) und Lutz Hasenzahl (FDP) einstimmig gewählt.

Die neue Ein-Stimmen-Mehrheit des „Bündnis für Michelstadt“ im Stadtparlament soll auch im Magistrat Ausdruck finden. Dazu wurde erneut mit einem 19:18 Votum die Hauptsatzung dergestalt geändert, dass dem Magistrat künftig zehn statt seither neun ehrenamtliche Mitglieder angehören werden.  

Koalitionäre wollen „klarere Mehrheitsverhältnisse im Magistrat“

Klarere Mehrheitsverhältnisse soll es dann nach dem Willen der Koalitionäre geben, wenn in der kommenden Stadtverordnetensitzung am 9. Juni eben dieses zehnte Magistratsmitglied gewählt ist.

Nachdem es in der jüngsten Legislaturperiode durch die stichentscheidende Stimme des Bürgermeisters häufig zu Pattsituationen gekommen sei, wolle man dem mit einem weiteren Magistratssitz entgegenwirken, erläuterte die GRÜNEN-Co-Fraktionschefin Julia Giebenhain.

„Magistrat kein Spielfeld parteitaktischer Verfügungen“

Dem hielt Andreas Funken entgegen, der Magistrat sei „kein Spielfeld parteitaktischer Verfügungen einer Ein-Stimmen-Mehrheit, sondern ein Organ der kommunalen Selbstverwaltung, das in seiner Zusammensetzung Stabilität, Verlässlichkeit und vor allem Ausgewogenheit benötigt“.

Der Magistrat sei ein Kollektivorgan, dessen Mitglieder mit dem Eid auf die „Sache“ verpflichtet werden. Aktuell entscheide in diesem Gremium bei Stimmengleichheit die Stimme des direkt gewählten Bürgermeisters. „Das hebt seine besondere Stellung durch die besondere Legitimation der Direktwahl hervor und ist aus unserer Sicht sachlich richtig und höchst demokratisch.“

Eine Änderung der Hauptsatzung möge sich aus der Ein-Stimmen-Mehrheit „und der Verbindung der Ampel“ formal herleiten und letztlich durchsetzen lassen, zeige politisch jedoch „kein ernsthaftes Bemühen um einen breiten, konsensbasierten Mehrheitswillen, sondern dient eher dem Versuch, mit einer hauchdünnen Mehrheit die Strukturen der Stadt zugunsten der Ampel zu verschieben“.

Lutz Hasenzahl: „Seither in Übermaßen im Magistrat vertretene ÜWG“

Das bestätige das aktuelle Bild: „Wer nach außen bewusst auf sachorientierte Zusammenarbeit statt auf starre Bündnisse oder feste Koalitionen verzichten wolle, aktuell aber einem solchen Antrag zur Mehrheit verhelfe, inszeniere Konsensbereitschaft, schaffe in Wirklichkeit aber Tatsachen, konstatierte Funken.

Das wollte Lutz Hasenzahl so nicht stehen lassen und verwies auf „eine seither in Übermaßen im Magistrat vertretene ÜWG“. In den Magistrat gewählt wurden schließlich die in einem gemeinsamen Listenvorschlag vereinten Roger Tietz, Jutta Emig und Hans-Joachim Prassel (alle SPD), Tim Koch (GRÜNE) und Maximilian Promny (FDP).

Einigkeit im Parlament bei Besetzungen weiterer Gremien

Gemäß dem CDU/ÜWG-Vorschlag ziehen Anni Resch und Joachim Lang (beide CDU) sowie Günter Lewold und Hans Laudenbeger (beide ÜWG) in den Magistrat ein. Erster Stadtrat bleibt Roger Tietz. Das nunmehr zehnte Magistratsmitglied wird – wie erwähnt – in der folgenden Parlamentssitzung am 09. Juni gewählt.

Einigkeit herrschte bei der Besetzung von Vertretungen in den Verbandsversammlungen der Verbände, Betriebskommissionen der Eigenbetriebe, des Aufsichtsrats der Stadtwerke Michelstadt GmbH, sowie dem Abwasserverband Mittlere Mümling und dem Hallenbad-Zweckverband und weiterer Verbände.

Ein einstimmiges Votum erhielt auch  Mathias Nowak als Schriftführer. Abschließend wurde Klementine Dingeldein (SPD) nach 25 jähriger Tätigkeit in der Michelstädter Kommunalpolitik mit Blumen verabschiedet.

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